Mit der Mobilität ist es in Deutschland nicht weit her
Kreative individuelle Arbeitszeitmodelle sind Mangelware

Es scheint im internationalen Vergleich ein sehr ausgeprägt deutsches Phänomen zu sein, dass unsere Bürger am allerliebsten den Arbeitsplatz vor der eigenen Haustür haben möchten. Daher scheitern immer wieder Versuche, die nach wie vor viel zu hohe Arbeitslosigkeit, die von Region zu Region extrem unterschiedlich ist, durch Transfers in das richtige Bundesland in den Griff zu bekommen. Frühere höchst aufwändige Modelle sind allesamt gescheitert.

DÜSSELDORF. Deutschland scheint in verschiedener Hinsicht ein gespaltenes Land zu sein. Zum einen, weil es kaum einen anderen Staat mit so ausgeprägten Landsmannschaften gibt, zum anderen, weil interessanterweise diejenigen Deutschen, die an den Rändern von Deutschland leben, egal ob es die See, die Berge oder der äußerste Osten ist, sich am wenigsten vorstellen können, irgendwo anders glücklich werden zu können.

Interessant ist sicherlich auch, dass es Gemeinden in Deutschland gibt, die zu keinem Zeitpunkt in der unmittelbaren Umgebung Arbeitsplätze zur Verfügung hatten, und bei denen Pendeln über viele Kilometer in den nächsten Ballungsraum seit Generationen zu den Selbstverständlichkeiten gehört haben. Da hält wohl jeder an überlieferten Lebensweisen fest.

Darüber hinaus gibt es eine Anzahl weiterer Faktoren, die dazu führen, dass es mit der beruflichen Mobilität in Deutschland nicht allzu weit her ist:

>> Lebenstraum des Deutschen ist vielfach ein eigenes Haus, das, wenn es einmal gebaut ist, auch mit 40 Jahren schon wie ein Altersruhesitz behandelt wird, weshalb man - das ist doch offensichtlich - nicht mehr weg kann.

>> Das ebenfalls bekannte Argument der sozialen Bindung ist sicherlich dann noch nachzuvollziehen, wenn die Eltern pflegebedürftig sind oder wenn eine Frau nur berufstätig sein kann, weil sie die Familie zum Kinderhüten in der Nähe hat. Unverständlich ist dagegen, dass kaum gesehen wird, wie wichtig es in der heutigen Zeit für die eigenen Kinder sein kann, dass sie früh genug lernen, neue Freunde zu gewinnen, sich mit Veränderungen frühzeitig positiv auseinander zu setzen bis hin zum längeren, in der Regel lehrreichen, Auslandsaufenthalt.

>> Gewichtiger dürfte da schon das Argument sein, dass bei gleich hohem Ausbildungsniveau von Ehefrau und Ehemann der Partner nicht so ohne Weiteres seine Koffer packen und einen ähnlich guten Job finden kann. Ob eine Wochenendbeziehung der Stein der Weisen ist, kommt auf die persönlichen Befindlichkeiten der jeweils betroffenen Person(en) an und vor allem darauf, ob dieses Thema im Familienrat ausreichend und mit einem klaren Ergebnis diskutiert worden ist. Manche Berufstätige mit hoher Verantwortung brauchen einfach ihre Familie in der Nähe - zum täglichen Aufladen der Batterie. Andere würden gerne auf das schlechte Gewissen gegenüber der Familie verzichten, wenn sie wieder einmal - in manchen Wochen jeden Tag - zu spät nach Hause kommen.

Klare Absprachen helfen allen Beteiligten

Ich hatte in der vergangenen Zeit häufiger mit Kandidaten zu tun, die sich am häuslichen Herd darauf verständigt hatten, dass der Hauptverdiener der Familie - immer noch meistens der Mann - der oft ohnehin einen Beruf hat, der ihn in der Woche einschließlich einer normalen Pendelzeit und mit regelmäßiger Reisetätigkeit selten vor 21 Uhr zu Hause sein lässt, vier Tage in der Woche seinem Arbeitgeber ohne Einschränkung zur Verfügung steht. Als Gegenleistung lässt ihn dieser Arbeitgeber am Freitag früher gehen. Und dazu gibt es dann die eiserne Regel, dass keinerlei Arbeit mit nach Hause genommen wird, um sich voll auf die Familie und ihre Bedürfnisse zu konzentrieren. Solch eine Abmachung kann zur gegenseitigen Entlastung durchaus funktionieren. Gleichzeitig kann sie auch für einen Arbeitgeber sehr effizient sein, da dieser Kollege in der Woche sogar gerne bis spät abends am Schreibtisch sitzt, seine Arbeit wegschafft und nicht zum dritten Mal in der Woche zu Hause telefonisch mitteilen muss, "dass es heute leider etwas später wird". Wichtig ist die Bereitschaft eines Unternehmens ein solches Lebensmodell in so weit mit zu tragen, dass Sonderregelungen für einen Mitarbeiter im Sinne fairen Gebens und Nehmens als selbstverständlich angesehen und auch argumentativ gegen Andere verteidigt werden.

Anteil des Teleworking nimmt zu

In vielen Berufsbereichen und Funktionen kann inzwischen zumindest zeitweise von zu Hause gearbeitet werden. Ein PC- und Faxanschluss und ISDN machen vieles möglich einschließlich der Rufumleitung des Büro-Apparates auf das häusliche Telefon. Auch hier kommt es weit mehr auf die Flexibilität des Arbeitgebers an und darauf, dass nicht irgendein weiter oben angesiedelter Manager seinen Einfluss auf die nachgeordnete Führungskraft zu sehr beeinträchtigt sieht. Schließlich gibt es genügend Branchen, die ohnehin von ihren Angestellten nur noch erwarten, dass sie die vorgegebenen Ziele erreichen und ihre Arbeit pünktlich abliefern - ob die Mitarbeiter dazu bevorzugt die Nacht zu Hilfe nehmen oder andere Tageszeiten wählen, wird als ihre individuelle Entscheidung betrachtet.

Für mich haben alle Regelungen dieser Art sehr viel mit gegenseitigem Vertrauen zu tun und auch der Bereitschaft, bei der Führung der eigenen Mitarbeiter oder nachgeordneten Manager je nach Leistung und Zuverlässigkeit Ausnahmen zuzulassen. Viele Chefs sehen in einer solchen Situation Ihre eigene Macht gefährdet oder sind einfach zu feige, die Ausnahme zu begründen. Hinderlich für kreative, individuelle Modelle sind die fatalen Egalisierungstendenzen - bis hin zu dem nicht zu vernachlässigenden Nebeneffekt, dass es weit effizienter sein kann, morgens eine Stunde später ins Büro zu fahren, weil man dann den Zug der Lemminge verlassen hat und in der Hälfte der Zeit am Arbeitsplatz sein kann.

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