Mit der Realität im Nahen Osten konfrontiert
Pendeldiplomat Fischer

Joschka Fischer war der richtige Mann zur richtigen Zeit, loben die Israelis. Tatsächlich hat er Arafat, woran viele vor ihm gescheitert sind, eine Gewaltsverzichtserklärung abgerungen. Der Außenminister selbst will von einer Vermittlerrolle nichts wissen: "Es passierte einfach."

TEL AVIV. Der erste Tag von Bundesaußenminister Joschka Fischer in Tel Aviv verlief noch wie geplant. Zunächst trifft er sich am Freitag mit seinem Amtskollegen Schimon Peres. Am Abend folgt er der Einladung in die Residenz des deutschen Botschafters Rudolf Dreßler im Tel Aviver Nobelvorort Herzlia Pituach. Gegen 23 Uhr verabschiedet er sich und fährt in sein Hotel an der Tel Aviver Hajarkonstraße. Für den nächsten Tag ist ein Besuch bei Palästinenserführer Jassir Arafat in Ramallah geplant.

Doch Fischer ist kaum zu Bett gegangen, da wird er mit der blutigen Realität im Nahen Osten konfrontiert. Der Terroranschlag eines palästinensischen Selbstmörders, der 20 israelische Jugendliche das Leben kostet, findet in unmittelbarer Nähe des Hotels "Dan" statt, in dem Fischer wohnt. Die Explosion hat er zwar nicht gehört, wohl aber die Sirenen der Krankenwagens, die eine halbe Stunde vor Mitternacht an seinem Hotel vorbeirasen, um die Verletzten zu bergen. Es dauert nur wenige Minuten, bis Fischer die Nachricht vom Bombenanschlag erreicht und er Amtskollege Peres anruft, um im Namen der deutschen Regierung sein Beileid auszudrücken.

Dann, noch in der Nacht, entschließt sich der Minister, den Tatort vor einem beliebten Tel Aviver Nachtclub aufzusuchen. "So etwas Schlimmes habe ich noch nie gesehen", fasst er später seine Eindrücke zusammen. Beim Anblick des Blutbades habe er spontan an seine beiden Kinder denken müssen, die etwa so alt sind wie die meisten Opfer.

"Die Gewalt muß enden"

Auch am nächsten Sabbat-Morgen zieht es Fischer noch einmal dorthin, wo in der Nacht zuvor das Gemetzel stattgefunden hat. Er legt einen Strauß mit weißen Blumen nieder. "Die Gewalt muss enden", sagt er und fügt hinzu: "Das waren junge Menschen, die ihr Leben genießen wollten, und nun sind sie tot."

Zurück im Hotel ruft Fischer seine Delegation zusammen: Was tun? lautet die Frage: Den geplanten Besuch bei Arafat absagen? Oder die Gelegenheit nutzen, um auf den Palästinenser-Chef einzuwirken? Fischer telefoniert mit Bundeskanzler Schröder, mit Ägyptens Staatschef Mubarak sowie mit seinen französischen, russischen und amerikanischen Amtskollegen und entscheidet sich dann für die zweite Alternative. Noch nicht ahnend, dass daraus in den nächsten Tagen die Rolle eines Vermittlers zwischen Israelis und Palästinensern werden würde; eine Rolle, die deutsche Politiker bislang beharrlich mit Hinweis auf die deutsche Geschichte abgelehnt hatten. Es ist eine Rolle, nach der sich Fischer "nicht gedrängt hatte". Aber, so der Minister, "es passierte einfach".

Um den Palästinensern nicht zu weit entgegenzukommen, sagt Fischer ein Mittagessen mit Arafat ab und kürzt den Besuch in Ramallah auf ein Mindestmaß. Im Gespräch mit dem Palästinenserführer mahnt er unmissverständlich, sofort alle Karten auf den Tisch zu legen. Der Außenminister verlangt von Arafat eine öffentliche Erklärung darüber, dass er die Gewalt beenden wolle. "Ich erklärte Arafat, dass er unverzüglich handeln müsse, wenn er den Friedensprozess retten will", sagt Fischer später gegenüber Journalisten.

Fischer versteckt sich nicht hinter inhaltslosen Phrasen, sondern zählt konkret seine Forderungen auf: ein sofortiger Waffenstillstand, die Durchsetzung von harten Sicherheitsvorkehrungen, die Wiederaufnahme der Kooperation mit israelischen Sicherheitsbehörden sowie eine öffentliche Verdammung der Gewalttaten. Nie zuvor, meint später der ehemalige israelische Außenminister Schlomo Ben-Ami, habe ein Politiker so kompromisslos zu Arafat gesprochen wie Fischer. Er soll sogar, so Ben-Ami, Arafat gewarnt haben, dass die Anerkennung der palästinensischen Autonomiebehörde auch davon abhängen könnte, ob er Angriffe auf israelische Ziele weiter zulasse.

Nur anderthalb Stunden zum Erfolg

Fischers forsches Auftreten in Arafats Büro, so sieht es aus, scheint von Erfolg gekrönt. Ihm gelingt in anderthalb Stunden, woran viele andere vor ihm gescheitert waren: Arafat eine Gewaltverzichtserklärung abzuringen. Erstmals seit dem Ausbruch der Al-Aksa-Intifada vor acht Monaten wendet sich Arafat am Samstag an sein Volk und kündigt auf Arabisch einen bedingungslosen und sofortigen Waffenstillstand an. Fischer steht nicht weit neben dem Palästinenserführer und hört Arafat sagen: "Wir werden alles daransetzen, um das Blutvergießen unseres Volkes und des israelischen Volkes zu stoppen."

Nach der Erklärung verlassen die Journalisten Arafats Hauptquartier fluchtartig, weil sie einen israelischen Vergeltungsschlag befürchten. Aus Angst vor Angriffen räumt die Autonomiebehörde alle öffentlichen Gebäude. Zur gleichen Zeit diskutiert im Tel Aviver Verteidigungsministerium das israelische Sicherheitskabinett über mögliche Reaktionen. Draußen verlangen Hunderte von Israelis eine Kriegserklärung an Arafat. Regierungschef Ariel Scharon und Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser äußern sich zwar skeptisch über die Ernsthaftigkeit der verkündeten Waffenruhe. Doch um Fischers Anstrengungen eine Chance zu geben, verzichteten sie zunächst auf militärische Aktionen.

Als Fischer am Sonntag in Jad Vaschem, der Gedenkstätte für den Holocaust, einen Kranz niederlegt, sagt er: "Die nächsten Stunden werden entscheidend sein." Spontan beschließt er, seinen Aufenthalt zu verlängern. Statt wie geplant am Sonntag fliegt er erst am Montag nach Kairo weiter.

Unterdessen fasst ein israelischer Diplomat Fischers Vermittlungsbemühungen zusammen: "Der Besucher aus Berlin", so der Israeli, "war der richtige Mann zu richtigen Zeit."

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