Mit der richtigen Strategie nach oben
Rolle vorwärts

Wer im Job schneller vorankommen will, sollte nicht an seinen Schwächen herumdoktern, sondern seine Stärken stärken.
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Zaire, Kinshasa am 30. Oktober 1974: "Rumble in the Jungle - der Dschungel bebt" feiern die Medien weltweit das Jahrhunderfest der Fäuste. Rohe Schlaggewalt triff auf Intelligenz und körperliche Feinmotorik. In dieser Nacht wird Boxgeschichte geschrieben. Runde acht: Muhammad Ali fällt den für unschlagbar gehaltenen K.o.-Koloss George Foreman, der ihm zuvor Prügelstrafe angedroht hatte. Ali ist seitdem eine lebende Legende.

Er wurde zum Champ, weil er sich seiner Stärken bewusst war und sie trainierte. "Fliegen wie ein Schmetterling und stechen wie eine Biene", beschrieb er seinen Kampfstil, der nicht gleich in der ersten Runde zum Knock-out führen musste. Ali boxte anders - mit Kopf und das ausgerechnet in einer Sportart, wo der Kopf nach Trefferquoten beurteilt wird.

Auch Computermogul Bill Gates besann sich auf sein Talent und auf seine Stärken. Auf dem Olymp des Erfolgs machte der weltweit erfolgreichste Unternehmer plötzlich eine Kehrtwendung. Gates erkannte, dass ihm der Job an der Spitze von Microsoft "viel zu viel Energie entzieht". Er zog die Konsequenzen und trat im Januar 2000 ab. Sein Partner Steve Ballmer führt seitdem die Geschäfte. Gates macht nun wieder das, was er am besten kann - er entwickelt neue Software, mit der er weltweit Standards setzen will.

Stärken stärken? Eigene Schwächen tolerieren? Dass seine Mukkis und sein kantiges Kopfprofil sehr wohl für eine Kinokarriere taugen könnten, entdeckte Exbodybuilder Arnold Schwarzenegger erst im reiferen Alter. Der gebürtige Österreicher wusste, dass ihm Rollen eines intellektuellen Feingeistes nicht ins Gesicht geschrieben waren und auch seine schauspielerischen Fähigkeiten eher hemdsärmelig wirkten. Also spezialisierte sich der Actionmann auf Streifen mit sparsamen Dialogen und steinhartem Gesichtsausdruck.

Acht von zehn Mitarbeitern halten sich für Fehlbesetzung

Ali, Gates, Schwarzenegger - ob im Sport, in der Wirtschaft oder im Filmgeschäft, diejenigen, die sich weniger an ihren Schwächen reiben und stattdessen an ihre Stärken feilen, gehören zu den Ausnahmen. Denn noch gilt: Nur wer seine Fehler ausbügelt, hat Chancen ganz nach oben zu kommen.

Das Pferd ist falsch herum aufgezäumt, glauben die beiden Gallup-Wissenschaftler Marcus Buckingham und Donald Clifton. Nach einer Langzeituntersuchung haben weltweit nur 20 Prozent der Mitarbeiter das Gefühl, dass sie ihre Stärken jeden Tag einsetzen können. 80 Prozent ihres Potenzials bleiben demnach ungenutzt. Das heißt aber auch, dass acht von zehn Mitarbeiter das Gefühl haben, sie sind eine Fehlbesetzung.

Menschheit ist auf Fehler fixiert

"Entdecken Sie Ihre Stärken", fordern deshalb die beiden Forscher in ihrem neuesten Buch. Sie entlarven, warum der Karrieremotor bei vielen stottert: "Jahrhundertelang ist die Menschheit auf Fehler und Versagen fixiert. In Schulen und an Arbeitsstätten auf der ganzen Welt ist jeder von uns dazu ermuntert worden, seine Schwächen zu entdecken, zu analysieren und zu korrigieren, um stark zu werden." Ein kapitaler Fehler, meinen sie und appellieren: "Drängen Sie Schwächen zurück, und erforschen Sie stattdessen Ihre Stärken" - machen Sie die Rolle vorwärts, statt die Rolle rückwärts.

Aber wie? Die Antwort der beiden Wissenschaftler ist genauso simpel wie logisch: "Entdecken Sie sich selbst. Werden Sie zum Experten im Finden, Beschreiben, Anwenden und Verfeinern Ihrer Stärken. Entdecken Sie ihren Ursprung." Mithilfe von Gallup-Daten entwickelten die beiden Wissenschaftler ihren so genannten "StrengthsFinder", einen Test mit dessen Hilfe individuelle Stärken ermittelt werden können (siehe unten). Insgesamt 34 Merkmale und persönliche Leistungsmotive kristallisierten sie aus ihren Umfrageergebnissen heraus. Sie reichen von offensichtlichen Stärken wie analytisches Denken, Disziplin, Gerechtigkeitssinn, Kommunikationsfähigkeit, Leistungsorientierung, Selbstbewusstsein und Wissbegierde bis hin zu eher weichen Eigenschaften - so genannten soft skills - wie Anpassungsfähigkeit, Behutsamkeit, Einfühlungsvermögen und Harmoniestreben.

Worauf bei der Analyse der eigenen Stärken geachtet werden sollte und wie man sie am besten aktiviert, dafür haben die beiden Amerikaner zwar kein stereotypes Patentrezept parat, aber eine Art Handlungsrahmen entwickelt:

  • Hinterfragen Sie, was Sie davon abhält, Ihre wahren Stärken zu zeigen und was Sie daran hindert, Sie zu stärken.
  • Vermitteln Sie ihrem Vorgesetzten Ihre Stärken .
  • Akzeptieren sie Ihre Schwächen, versuchen Sie nicht, Sie zu therapieren. Binden Sie Mitarbeiter an sich, die Ihre Schwächen nicht nur tolerieren, sondern ausgleichen.

Zu denjenigen, die erkannten, dass sie nicht auf allen Spielfeldern hervorragend Regie führen können, gehört etwa Ex-VW-Vorstandsvorsitzende Ferdinand Piech. Der große Redner und Rhetoriker war er nie, diese Bühne überlies er lieber anderen. Er erkannte aber sein Talent für technische Innovationen und deren Machbarkeit. Mit Akribie und Hartnäckigkeit setzte er sein Können auch gegen interne Widerstände durch und führte die Wolfsburger in die Weltliga der Automobilkonzerne.

Der richtige Riecher

Auf nicht ganz so großer Flamme kochte Karl Düsterberg, Gründer der Apetito AG und deutscher Marktführer bei Tiefkühlgerichten für Gemeinschaftsrestaurationen. Düsterberg, ehemaliger Obst- und Gemüsegroßhändler, hatte vom kulinarischen Handwerk wenig Ahnung und dachte nicht daran, in dieser Disziplin Nachhilfeunterricht zu nehmen. Das überließ er seinen Mitarbeitern. "Ich bin im innersten Kaufmann", beschrieb er seine Stärke. Mit dem richtigen Riecher und einem untrüglichen Gespür für Marktentwicklungen legte der Zahlenfuchs 1958 den Grundstein für sein Unternehmen.

"Manager sollten umdenken und ihr Unternehmen rund um die Talente und das Können ihrer Mitarbeiter aufbauen", sagt Motivationspapst Reinhard Sprenger. Er plädiert für ein radikales Umdenken. Er fordert die "Individualisierung des Unternehmens", die Orientierung auf die Leistungsfähigkeit und Talente des Einzelnen, weil sie für das Unternehmen sowie für das Individuum den größten Mehrwert schaffen.

Hilfen für die Personalentwicklung

Einige Unternehmen haben diesen Konflikt erkannt und ihr Personalmanagement besser auf das Stärkenprofil ihrer Mitarbeiter abgestimmt. Wer zum Beispiel bei Audi nach oben kommen will, wird an seinen Fähigkeiten gemessen, weniger an seinen Schwächen. "Wir wollen unsere Mitarbeiter nicht verbiegen, sondern deren Stärkepotenzial fördern und nutzen", sagt Theresia Sahelijo, Leiterin Personalentwicklung beim Ingolstädter Automobilbauer. Führungskräfte, die noch nicht ihre wahre Spurtstärke erkannt haben, bekommen mit LEP (Langfristiges Entwicklungspotenzial) einen Entwicklungshelfer gestellt. Hinter dem Kürzel verbirgt sich ein Programm, das das Stärkenpotenzial der Kandidaten sondiert und ihnen hilft, ihre Fähigkeiten auszubauen. "Unter 100 Führungskräften sind nicht selten zwei, die auf Grund dieser Analyse ihr Arbeitsgebiet wechseln, weil sie erkannt haben, das ihre Stärken in einem ganz anderen Bereich liegen", so Sahelijo.

Was LEP für Audi, ist EFA für Siemens. Die drei Buchstaben stehen für Entwicklung, Förderung und Anerkennung. "Die Botschaft lautet, werden Sie zum Unternehmer in eigener Sache, stählen Sie ihre Stärken, bauen Sie sie aus", erläutert Ulrich Stoffels, mitverantwortlich für den Bereich Leadership und Management. Mitarbeiter und Führungskräfte, die sich dieser Marschroute anschließen und auch umsetzen, haben bei den Münchnern, die besten Chancen auf einen lukrativen Job.

Weg aus dem Mittelmaß

Welche Stärken in den Führungsetagen vorausgesetzt und gefördert werden sollten, darüber sind sich Arbeitspsychologen einig. "Zu den Kernkompetenzen gehören Überzeugungskraft, Urteilsfähigkeit, analytisches Denken aber auch die Begabung, andere mit ins Boot zu holen", sagt Professor Dieter Frey vom Institut für Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seiner Ansicht nach gibt es kaum eine Stärke, die man nicht ausbauen kann. "Wer bei sich diese Fähigkeiten erkennt und fördert, verlässt schnell das Mittelmaß", ist die Hamburger Psychologin Monika Voss überzeugt. Die Expertin auf dem Gebiet Teamcoaching und Mitarbeiterführung ermuntert die Teilnehmer ihrer Seminare dazu, mehr an ihren Stärken zu feilen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand nach oben kommt, weil er an seine Stärken glaubt und an ihnen arbeitet, ist 50 Prozent höher, als wenn er nur seine Schwächen repariert", sagt sie.

Geschafft haben es mit dieser Strategie Adolf-Michael Picard und Nina-Ric Eschemann. Picard, heute Personaldirektor beim Otto-Versand, machte dort eine Schornsteinkarriere. "Ich bin kein Typ, der im Urlaub in der Sonne schmort, ich muss ständig aktiv sein", sagt er. "Meine Stärken liegen in meiner Leistungsbereitschaft und im analytischen Denken. Dieses Potenzial habe ich während meiner zwölfjährigen Zugehörigkeit bei Otto ständig ausbauen können." Dinge, die ihm leicht fielen, hat er weiterentwickelt, Schwächen ließ er absorbieren. "Da ich nicht detailversessen, harmoniesüchtig und nicht immer konform bin, suchte ich mir Partner, die dieses Manko ausgeglichen und neutralisiert haben."

Auch Nina-Ric Eschemann ist überzeugt: "Durch die Zusammenarbeit mit Personen, die andere Stärken entwickelt haben, können wir voneinander profitieren." Die Assistentin des Personalgeschäftsführers bei der Media-Saturn-Holding in Ingolstadt setzt auf ihr Einfühlungsvermögen und ihr Verantwortungsgefühl - soft skills, die auch bei Führungskräften immer mehr gefragt sind, ergab die Gallup-Untersuchung. "Was ich nicht mag, ist die Entwicklung von Strategien", gibt sie lächelnd zu. Wie Otto-Mann Picard hat auch sie eine praktikable und wirkungsvolle Lösung gefunden: "Ich brauche in meinem Umfeld Mitarbeiter, die diese Stärke mitbringen."

StrengthsFinder: Fehl am Platz

Nur wenige Unternehmen schlagen Kapital aus den Talenten und Stärken ihrer Mitarbeiter. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen die beiden amerikanischen Wissenschaftler Marcus Buckingham und Donald Clifton vom renommierten Gallup-Institut. Als Basis dienten ihnen zwei Langzeitstudien in der weltweit zwei Millionen Mitarbeiter und 80000 Manager mit der Frage konfrontiert wurden: "Haben Sie in Ihrem Unternehmen die Möglichkeit, genau das zu tun, was Sie am besten können?"

Über das Ergebnis dieser Umfrage waren sie selbst erstaunt. Acht von zehn Mitarbeitern, so die Forscher, haben das Gefühl, dass sie fehl am Platz sind.

Aus der Fülle der Aussagen entwickelten die beiden Wissenschaftler daraufhin ihren so genannten StrengthsFinder - einen Scout, der 34 typische Muster für menschliche Talente abgleicht und daraus das größte, individuelle Stärkepotenzial ableitet. Gestellt werden insgesamt 180 Fragen, die innerhalb von 20 Sekunden beantwortet werden müssen. Dabei hat der Teilnehmer die Auswahl zwischen drei alternativen Antworten.

Der Strengthsfinder basiert auf dem Ansatz der positiven Psychologie und integriert in seiner Analyse Merkmale wie Motivation, Beziehungsfähigkeit, Selbstdarstellung und Lernstil. Die Ergebnisse des persönlichen Stärkenprofils werden dann auf Grund der Selbstbeschreibung ermittelt. Im Schnitt selektiert der StrengthsFinder aus den insgesamt 34 Merkmalen fünf dominierende Talente heraus und beschreibt sie ausführlich.

Auf der Suche nach den persönlichen Talenten, entdeckten die beiden Amerikaner auch länderspezifische Besonderheiten. Das Land, in dem sich Mitarbeiter noch am meisten auf ihre persönlichen Stärken konzentrierten, sind die USA. Immerhin 41 Prozent der Befragten bestätigen, dass die Kenntnis über ihre Fähigkeiten ihnen am besten hilft, weiterzukommen. Ganz anders sieht es dagegen in Japan und China aus. Nur 24 Prozent glauben dort, dass der Schlüssel zum persönlichen Erfolg in ihren Stärken liegt. Interessanterweise war in jeder Kultur, die von den Gallup-Analysten unter die Lupe genommen wurde, die Altersgruppe der über 55-Jährigen diejenige, die am wenigsten auf ihre Schwächen fixiert war. Die Oldies, so mutmaßen Buckingham und Clifton, "haben bereits ein gewisses Maß an Selbstakzeptanz erworben und erkannt, dass der Versuch, die dauerhaften Schwächen in ihrer Persönlichkeit zu überspielen, vergeblich ist."

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