Mit Filmfonds und Krisen-PR erweitern Advokaten ihre Angebotspalette
Kanzleien als Gemischtwarenladen

Die Zeiten, in denen Advokaten hinter dem Schreibtisch darauf warten, dass jemand einen Fall an sie heranträgt, sind lange vorbei. "Wir gehen mehr als früher mit unseren Ideen auf die Mandanten zu", berichtet Jörg Overbeck, Sprecher der Kanzlei Linklaters in Köln.

Vor zehn Jahren noch wäre es undenkbar gewesen, dass ein Mitarbeiter der bedeutenden Wirtschaftskanzleien so etwas sagt. Heute ist Linklaters sehr viel stärker als früher mit der Produktentwicklung beschäftigt - und ist dabei in guter Gesellschaft: Die Metamorphose vom reinen Rechtsberater hin zum unternehmerisch denkenden Berater, der nicht nur in Rechtsfragen weiterhilft, ist in vielen Kanzleien in vollem Gange.

Vor allem im Finanzbereich dienen immer mehr Wirtschaftsanwälte ihren Klienten eigene Ideen an. "Wir arbeiten auch losgelöst von konkreten Transaktionen mit Mandanten zusammen und entwickeln gemeinsam Möglichkeiten, wie man mit den sich ständig ändernden steuerlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen umgeht", erzählt Dirk Schmalenbach, weltweit zuständig für den Bereich Finance bei Freshfields in Frankfurt.

Ein Beispiel für Produkte, die sein Haus gemeinsam mit Banken entwickelt hat, sind Filmfonds. "Vor wenigen Jahren gab es hier keine nennenswerte Filmfinanzierungspraxis", so Schmalenbach. "Wir haben gemeinsam mit Mandanten definiert, wie man derartige Fondsmodelle aufsetzen kann." Anwälte als Filmfondsentwickler, ja als Innovationstreiber beim Kunden?

Das liegt im Trend. Immer mehr Kanzleien suchen aktiv nach Möglichkeiten, um ihren Umsatz zu steigern. Sie erweitern ihre Mandate um neue Leistungen oder gewinnen neue Klienten mit neuen Ideen.

Vorbild für viele Häuser ist dabei die Innovationskraft von Technologie-Unternehmen wie Siemens. Die Münchner machen 60 Prozent ihres Umsatzes mit Produkten, die es vor fünf Jahren noch nicht gab.

"Auch wir müssen uns immer wieder mit neuen Fragestellungen auseinandersetzen," sagt Schmalenbach. "Innerhalb unserer Rechtsgebiete identifizieren wir regelmäßig neue Geschäftsfelder. Wenn wir nur das gleiche Know-how anbieten würden wie vor fünf Jahren, hätten wir keine Chance."

Doch nicht nur innerhalb des Stammgeschäfts vermutet die Branche Musik: Bei einer Umfrage des Handelsblatts unter den 50 Top-Wirtschaftskanzleien in diesem Jahr sahen 18,5 Prozent der Befragten in der Expansion außerhalb der klassischen Rechtsberatung Erfolg versprechende Zukunftsstrategien für Wirtschaftsberater. Und einige wie die Kanzlei Lovells verfolgen derartige Strategien bereits aktiv. Fast könnte man meinen, der Name der Wirtschaftsanwälte stünde für einen spezialisiertes Unternehmen aus der Informationstechnik. Die internetgestützte Markenentwicklung und Markenrechtsverwaltung, das Managen der Datenfluten, die bei großen Prozessen oder Due Diligence-Prüfungen anfallen oder die Bereitstellung von juristischen Standardleistungen in Intranet- Plattformen, den E-Rooms, sind Beispiele für Zusatzdienste rund um die Juristerei, die die internationale Wirtschaftskanzlei anbietet.

Für Jones Lang LaSalle hat Lovells beispielsweise einen E-Room eingerichtet, in dem die Mitarbeiter des Immobilien-Maklers Musterdokumente und Hintergrundinformationen für ihre Arbeit finden.

Fragen mailen sie direkt an die Anwälte der Praxisgruppe Immobilienrecht von Lovells. Außerdem bietet Lovells als erste Sozietät in Deutschland aktiv Krisen-PR als Dienstleistung an. Die prozessrechtliche und die medienrechtliche Abwehr von Ausnahmefällen wird unter dem Label Litigation PR vermarktet.

Services wie die Krisenberatung gehören heute auch für die meisten Wirtschaftsanwälte zum Portfolio. Allerdings werden sie selten so aktiv vermarktet, sondern meist nur angeboten, wenn die Kunden explizit nach dieser Dienstleistung verlangen. Gleiches gilt für die Hilfe bei der Personalsuche, etwa wenn ein Partner der Kanzlei Freshfields einem langjährigen Mandaten hilft, eine neuen Leiter der Rechtsabteilung auszusuchen.

Zwar gibt es auch Kanzleien, die von derartigen Zusatzgeschäften überhaupt nichts wissen wollen. So erklärt beispielsweise Marcus Brans, Sprecher bei Shearman & Sterling in Düsseldorf, "dass wir als Anwaltskanzlei ausschließlich Rechtsberatung anbieten und auch zukünftig unser Kerngeschäft nicht erweitern werden." Und Jutta Schönberger, Sprecherin der Kanzlei Gleiss Lutz in Stuttgart, erklärt: "Wir tun das, was wir tun, zu 100 Prozent. Mercedes macht Limousinen, den Smart und LKW, Porsche nur den Porsche. Wir verfolgen den Porsche-Ansatz." Doch wie lange sie an dieser Strategie festhalten, bleibt abzuwarten - so schnell, wie sich die Wirtschaftswelt heute verändert.

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