Mit gepaltener Zunge erklären Mircosoft Anwälte die Lage des Unternehmens
Microsoft: Geschwätz von gestern

Microsoft versucht vor Gericht, seine Marktposition im Vergleich zur Konkurrenz schlecht darzustellen, die Rivalen versuchen das gleiche. Kurios dabei: Die Werbung der Firmen sagt exakt das Gegenteil.

Es liegt in der Natur des Marketing: Der Werbende bietet dem Kunden immer das Schönste und Nützlichste, Preiswerteste und Größte - kurz: das Beste. Dumm nur, wenn er dann an anderer Stelle behauptet, andere seien ja eigentlich viel besser - etwa vor Gericht, um eine empfindliche Strafe zu vermeiden.

"Doublespeak" nennt das der Amerikaner, und derartige Doppelzüngigkeit treibt gerade besondere Blüten: im Kartellprozess gegen den Software-Konzern Microsoft, der des Missbrauchs seiner Monopolstellung vor allem bei Betriebssystemen für schuldig befunden wurde. Richterin Colleen Kollar-Kotelly soll nun die Strafe festlegen, die gegen den Konzern aus Redmond verhängt werden soll.

Und was passiert nun: Kläger und Beklagter wetteifern im Gerichtssaal, um ihre Marktposition möglichst mickrig und die der anderen als ungeheuer gewaltig darzustellen - das genaue Gegenteil der Botschaften, die Kunden, Investoren und Analysten aus den Medien entgegen schallen oder in Anzeigen ins Auge springen.

Microsofts Anwälte heben vor allem das Wachstum der anderen hervor. So musste ein Vertreter von Red Hat, eines jungen Spezialisten für das freie Betriebssystem Linux, eingestehen, dass Linux das am schnellsten wachsende Betriebssystem für Netzwerk-Zentralrechner ist - eigentlich ja eine feine Sache für ihn, aber vor Gericht doch eher dumm gelaufen.

Die Gegenseite - das sind neun US- Bundesstaaten, die sich mit einer vom Justizministerium ausgehandelten Einigung nicht abfinden wollten - zeichnet dagegen das Bild des bösen Monopolisten möglichst düster. Und bereitwillig helfen dabei die Manager der Rivalen von Microsoft, die ihre Werbebotschaften anscheinend vergessen haben. Mit düsteren Geschichten, warum der Wettbewerb ersticken wird, wenn der Software-Hersteller nicht an die Kette gelegt wird, reden sie ihr eigenes Unternehmen klein.

Beispiel Palm: Der Hersteller von so genannten Persönlichen Digitalen Assistenten (PDA) beherrscht das Marktsegment. Zwar sinkt der Marktanteil seit einiger Zeit leicht, aber stetig, und die Rivalen, die Geräte mit Microsoft - Systemen ausstatten, holen vor allem bei den Geschäftskunden auf. Aber immer noch liegt Palms Marktanteil bei rund drei Vierteln. Und Palm-Chef Eric Benhamou sagte in einer Konferenz zu den aktuellen Quartalszahlen: "Anders als in der PC-Branche gibt es weder ein Monopol bei den Silizium-Chips noch bei der Software", das kleine Wettbewerber ersticke.

Eine Woche später klang das ganz anders: Michael Mace, bei Palms Software-Gruppe für die Überwachung der Konkurrenz verantwortlich, warnte, es bestehe ein "hohes Risiko", dass Erzrivale Microsoft im PDA-Markt ein Monopol erringen könnte. Da saß er in einem stickigen, fensterlosen Gerichtssaal in Washington D.C. Und gab zu, Microsofts Pocket PC-Software erfreue sich eines "sehr guten Wachstums", sie sei der zweitgrößte Spieler im Markt hinter Palm. Seinem Chef wäre das gegenüber Analysten wohl nicht so flüssig über die Lippen gekommen.

Microsofts Anwälte haben derweil großes Interesse daran, zu zeigen, dass die Marktmacht des Konzerns vor allem in den vielen im Entstehen begriffenen Web-Services nicht annähernd so groß ist, wie die Konkurrenten behaupten. Denn hier liegen die Märkte der Zukunft, und in die will der Gigant ungehindert eindringen, um seine eigene Zukunft zu sichern.

Für Mircosoft ist die Firma Real vor Gericht der große Konkurrent - und in der Werbung längst geschlagen.

Etwa beim interaktiven Fernsehen: Den Chef des Startups Liberate Technologies, Mitchell Kertzman, grillte Microsoft-Anwalt Dan Webb förmlich im Kreuzverhör. Der kleine Hersteller von Empfangsgeräten für das interaktive Fernsehen hat bereits Geräte an große Netzbetreiber in den USA ausgeliefert. 300 000 Haushalte besitzen eine Box mit Liberate-Software, musste Kertzman seinen bescheidenen Erfolg zugeben. Microsoft dagegen, so hob Webb hervor, "hat tatsächlich bis zum heutigen Tag null Geräte mit seiner interaktiven TV-Technologie an die Kabelsysteme der USA angeschlossen, stimmt das nicht, Sir?".

Wiederum aber klingen die offiziellen Verlautbarungen des Angeklagten viel fröhlicher: Im Dezember 2000 bewarb der Konzern seine Abkommen mit "führenden Netzbetreibern", etwa in Portugal. Und im Herbst versprach Jon DeVaan, damals Chef des TV-Bereiches bei Microsoft, eine Partnerschaft mit dem Kabelkonzern Charter Communications werde eine Million Kabel-Kunden die "nächste Generation interaktiver TV-Dienste" bieten. In einer Presseerklärung fügte er hinzu, die "vielen Entwicklungen in der ganzen Welt zeigen, das Microsoft TV jetzt zum Einsatz bereit ist und den Standard setzt für das, was Fernsehen sein kann".

Für Microsoft sind die Äußerungen vor Gericht und die in Presse und Werbung keineswegs widersprüchlich. So hätten sich DeVaans Aussagen auf den internationalen, nicht den US-Markt bezogen, und bezogen auf Charter habe der Manager von der Zukunft, nicht von der Gegenwart gesprochen.

Doch es gibt noch zahlreiche Beispiele, etwa der Fall Real Networks: Das Unternehmen ist einer der härtesten Rivalen von Microsoft, wenn es um das Abspielen von Musik und Videos am PC geht. Nun musste sich David Richards, Vice President bei Real Networks, von Microsoft-Anwalt Richard Pepperman ausfragen lassen: Der Jurist präsentierte alle möglichen Statistiken, die zeigen, wie stark Real Networks ist. Er wies sogar ein internes E-Mail vor, in dem stand, dass 49 der Top 50 Internet-Radiostationen Technologien von Real nutzen und dass das Unternehmen "mehr als 500 000 Installationen des Real Player pro Tag verzeichnet".

Real-Mann Richards wollte dazu lieber nichts sagen, er gab an, kein Experte für diese Statistiken zu sein. Bei anderen Gelegenheiten ist der Konzern weniger zurückhaltend: Auf seiner Web- Seite erklärt er sich zum "Pionier der gesamten Internet-Medien-Branche" und zum "Weltmarktführer in der digitalen Übertragung von Medien". Eine Sprecherin sagte, Richards habe möglicherweise so reagiert, da die genannten Statistiken Teil eines zügig verfassten Memos waren, kein offizielles Statement. In seiner schriftlichen und mündlichen Zeugenaussage habe er aber "wiederholt die Führerschaft von Real Networks im Markt für Streaming Media bestätigt", und die Mitarbeiter des Konzerns "haben es genossen zu hören, dass Microsoft die Popularität unserer Software anerkennt".

Kurioserweise aber hat Microsofts aggressives PR-Team kürzlich Statistiken veröffentlicht, die belegen sollen, dass der Windows Media Player mehr verwendet werde als der Real Player. "Die Verwendung unserer Software zu Hause und im Büro übersteigt die von Real Networks", sagte dann auch noch Microsofts General Manager Dave Fester im Interview - es kommt also ganz auf die Sichtweise an.

Mitarbeit: Nick Wingfield, Susanne Wesch.

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