Mit Innovationen aus der Krise
Kommentar: Zeit für Zerstörer

Die konjunkturelle Talsohle ist in Deutschland noch nicht erreicht. Noch revidieren Ökonomen, Politiker und Verbände ihre Wachstumsprognosen nach unten. Auch viele Unternehmen, die bereits in vergangenen Quartalen Abschied von ihren Jahresplänen genommen haben, schrauben gerade noch ein zweites und drittes Mal ihre Erwartungen für dieses Jahr herab. Währenddessen beginnen die Analysten sogar schon, die Gewinnschätzungen für 2002 zu reduzieren.

In den Unternehmen ist die Zeit der Sparkommissare angebrochen. Sie schicken Tausende Beschäftigte nach Hause, schließen Werke, geben Auslandsgeschäfte auf. Kurzfristdenken und Schadensbegrenzung regieren, "Vision" wird zum schmutzigen Wort. Psychologisch ist das verständlich, doch strategisch verheerend. Gerade die Krise böte vielen deutschen Unternehmen eine Chance, verlorenes Terrain gegenüber der Weltmarktkonkurrenz aufzuholen.

Die Kosten zu senken ist ein Muss. Doch gleichzeitig braucht Deutschland dringend einen Innovationsschub. Die Unternehmen müssen gerade jetzt neue Ideen entwickeln und auf Wachstum setzen. In der Krise werden die Märkte neu aufgeteilt.

Auflösung der Deutschland AG

Gleichzeitig kann und muss der Abschwung die Auflösung der Deutschland AG beschleunigen. Wenn sich in den kommenden zwei Jahren die Banken und Versicherungen - zusätzlich motiviert durch die Steuerbefreiung der Veräußerungsgewinne - von ihren Industriebeteiligungen trennen, wenn die Konzerne ihre Randgeschäfte in neue Hände geben, dann ist das eine gigantische Fitnesskur für die deutsche Wirtschaft.

Jetzt ist nicht die Zeit für kleinmütige Zauderer - es ist die Zeit für kreative Zerstörer. Die nächsten Jahre bieten die Chance, die deutsche Wirtschaft trotz wachsender Konkurrenz der Schwellenländer wettbewerbsfähiger zu machen. Doch das können die Unternehmen - vor allem die mittelständischen - nicht ganz alleine schaffen. Sie brauchen auch die Unterstützung der Politik.

Und auch hier geht es nicht nur um Lohnkosten und Steuerlasten. Vor allem muss die Politik endlich ihre statische Betrachtungsweise überwinden. Sie muss die Wirtschaft als dynamischen Prozess verstehen - als immer währende kreative Zerstörung. Es geht nicht darum, eine gleich bleibende Menge an Arbeit gerecht zu verteilen, es geht darum, möglichst viele neue Arbeitsplätze in wachstumsstarken Branchen zu schaffen. Nur durch einen permanenten Wandel der Wirtschaft kann es genug Arbeit für alle geben. Wir brauchen mehr Bewegung, nicht mehr Bewahrung.

Den Wandel fördern

Die Politik muss diesen Wandel fördern, anstatt ihn zu bremsen. Das heißt konkret: Sie muss alle strukturerhaltenden Subventionen auf null herunterfahren - stufenweise, um den Betroffenen die Anpassung zu ermöglichen, aber zügig. Zugleich muss sie darauf verzichten, notwendigen, wenn auch schmerzlichen Strukturwandel durch Ad-hoc-Interventionen zu bremsen.

Für das so gesparte Geld gibt es keinen besseren Verwendungszweck als die Bildung. Wer den Wandel zur Wissensgesellschaft ernst nimmt, kann nicht akzeptieren, dass Deutschland ausgerechnet hier zurückfällt. Dabei geht es nicht nur darum, die Qualität der allgemeinen Schul- und Berufsbildung zu steigern, die im internationalen Vergleich seit Jahren zurückfällt. Wichtig ist es auch, endlich der Elitebildung gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Nur wenn deutsche Universitäten die besten Talente aus aller Welt anziehen, können deutsche Unternehmen ihre Innovationskraft bewahren und steigern.

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