Mit Innovationen kann die Konsumgüterbranche in diesem Jahr nicht punkten
In der Krise kauft die Kundschaft Klassisches

Der Handel stöhnt - und hofft auf Weihnachten. Doch viele Kunden drehen in diesem Jahr jeden Euro zweimal um. Wenn sie einkaufen, besinnen sie sich auf bekannte Marken. Produkte zum Genießen und Wohlfühlen liegen im Trend.

DÜSSELDORF/MÜNCHEN. Jetzt hängt alles von den Marketing-Experten ab: Wer die Verbraucher in diesem Jahr zum Kauf animieren will, muss sich etwas Besonderes einfallen lassen. "Nur wer die richtigen Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche der Kunden anspricht, wird es schaffen, seinen Umsatz im Weihnachtsgeschäft zu steigern", sagt Oliver Perzborn, Geschäftsführer des Hamburger Trendbüros. "In diesen Zeiten trennen sich die Verbraucher besonders schwer von ihrem Geld, daher kommt es auf die richtige Vermarktung an."

Der deutsche Einzelhandel steht in den Startlöchern. Das Geschäft verlief dieses Jahr bisher ausgesprochen schlecht. Nun rüsten die Händler auf, um mit dem Weihnachtsgeschäft aufzuholen, was aufzuholen ist. Insbesondere Fachhändler erwirtschaften in den letzten Monaten des Jahres überhaupt erst ihren Gewinn. In vielen Branchen fehlt es allerdings an echten Innovationen. Die Spielwarenbranche setzt in diesem Jahr auf bekannte Marken. Das ist nicht selbstverständlich: In den vergangenen Jahren waren oft Lizenzprodukte wie Teletubbies oder Pokémon die Renner. In diesem Winter haben solche kurzlebigen Modeerscheinungen aber keine Chance. Für die Nürnberger Vedes AG, Europas größten Spielwarenverbund, werden Playmobil-Figuren und Barbie-Puppen die Renner der Saison. Barbie bekommt frischen Schwung, weil es die Plastikpuppe im Outfit des auf Video und DVD vertriebenen Trickfilms "Rapunzel" gibt, in dem die Blondine auch die Hauptrolle spielt. Volle Läden erhofft sich Vedes zudem durch das Spiel des Jahres, "Villa Paletti", und Spielekonsolen wie den neuen Game Cube von Nintendo. "Das Qualitätsbewusstsein der Kunden gibt bewährten Marken einen Schub", erklärt sich Corinna Printzen vom Spielwaren-Industrieverband die Rückbesinnung auf bekannte Hersteller. "In diesem Jahr kommt es darauf an, Themen zu verkaufen, nicht Produkte", bestätigt Perzborn. Neben dem Retrotrend - zurück zur bewährten Barbie oder dem Memory-Spiel - seien die "ewige Jugend" und "Vereinfachung" solche Themen. Handelsexperten beobachten, dass sich die Verbraucher in konjunkturell schwachen Zeiten immer wieder auf traditionelle Werte zurückbesinnen und dafür Geld ausgeben.

"An die Stelle des Schön- Sein-Wollens ist das Sich-Wohl- Fühlen-Wollen getreten", sagt Reinhard Wolf, Präsident des Bundesverbands Parfümerien. Seine Branche sieht dem Weihnachtsgeschäft zuversichtlich entgegen. "Geschenke aus der Parfümerie kommen immer noch gut an", sagt Wolf. "Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen." Insbesondere die klassischen Düfte - Chanel, Hermes, Yves Saint Laurent oder Lancome - erlebten eine Renaissance. "Unsere Produkte haben einen hohen Prestigewert, so etwas verschenkt jeder gerne. Auf der anderen Seite handelt es sich um einen Wert, den sich fast jeder leisten kann." Als eine der wenigen Branchen gerät die Parfümerie-Welt nicht durch Handelsmarken unter Druck. Offenbar haben die Deutschen Hemmungen, Billig-Parfüms unter den Weihnachtsbaum zu legen. Viele Parfümerien machen im Dezember den dreifachen Umsatz eines gewöhnlichen Monats. Im Vergleich zum Vorjahr hält der Verband im Weihnachtsgeschäft immerhin eine "leichte Steigerung" für möglich. Auch die Fachhändler für Wohnaccessoires und Küchenausstattungen berichten von steigenden Absätzen bei Produkten, die Genuss und Gemütlichkeit verheißen. Galt vor wenigen Jahren noch der Wok als Geschenk-Tipp, greifen heute viele Kunden wieder zum Fondue-Set, dem Verkaufsschlager der 80er-Jahre. Kaffee-Zubehör verkauft sich in diesen Tagen besonders gut. "Man kann fast schon von Kaffee-Equipment sprechen", sagt Eva Barth-Gillhaus vom Bundesverband Tisch, Hausrat und Wohnkultur. "Vielen genügt ein einfacher Kaffeepott nicht mehr. Die Kunden greifen zu den verschiedensten Gläsern, Bechern und Tassen. Auch Espresso- und Kaffeemaschinen gehen gut." Der Fachhandel macht zwar rund 30 % seines Umsatzes in den letzten Monaten. Aber dass das Weihnachtsgeschäft die Einbußen seit Jahresanfang wettmachen kann, glaubt in der Branche niemand. Barth-Gillhaus sagt: "Das Minus kann allenfalls kleiner werden." Die Kaffeeröster-Kette Tchibo setzt mit ihren wöchentlich wechselnden Themenwelten zur Weihnachtszeit besonders stark auf die Themen Gemütlichkeit und Wohlfühlen - zu günstigeren Preise als die meisten Markenhersteller. Neben Goldschmuck und Wäsche spielt der "gedeckte Tisch" traditionell eine große Rolle. Begonnen haben die Hamburger ihr Weihnachtsgeschäft vor zwei Wochen mit einer Kaminheizung. Der elektrische gusseiserne Ofen mit imitierten Kaminfeuer für 179 Euro sei binnen weniger Tage ausverkauft gewesen, heißt es bei Tchibo. Vom Versandhändler Otto ist ähnliches zu hören: Schmuck und Dessous verkaufen sich immer gut. In diesem Jahr setzt das Hamburger Unternehmen auf Lederjacken für Damen - und DVD-Spieler für Herren. Von wirklich neuen Rennern weiß auch Otto nicht zu berichten. "Ähnlich wie im vergangenen Jahr setzen wir auf Fantasy-Produkte", sagt eine Sprecherin. Die Kinofilme um "Harry Potter" und "Herr der Ringe", die in den nächsten Wochen in die Kinos kommen, könnte für eine weitere Belebung sorgen. Darauf setzt auch der Buchhandel. Den Verkaufsrekord der vergangenen Jahre werde man allerdings nicht erreichen, heißt es. Statt dessen setzt die Branche auf klassische Werke, Bildbände und Hörbücher. Doch selbst der Lebemann Dieter Bohlen könnte dem Buchhandel zu einem guten Weihnachtsgeschäft verhelfen. Sein Enthüllungsbuch "Nichts als die Wahrheit" hat bereits auf der Frankfurter Buchmesse für sehr viel Wirbel gesorgt. In den ersten beiden Verkaufswochen wanderte das Buch bereits 420 000 Mal über die Ladentheke.

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