Mit jeder Silbe des Notenbankchefs lässt sich viel Geld verdienen – aber nur theoretisch
Wie Alan Greenspan die Märkte an der Nase herumführt

Wie gelähmt sind oftmals die Märkte, wenn der wichtigste Notenbankchef und vielleicht mächtigste Mann der Finanzwelt, Alan Greenspan, eine Rede hält. Das Geschehen gleicht einer Zeremonie - egal, wie das Thema lautet.

DÜSSELDORF. Vor dem Auftritt treten die Kurse fast auf der Stelle, um nach dem ersten Satz umso heftiger auszuschlagen. Doch nach ein paar Stunden, manchmal aber auch erst am nächsten Tag dämmert vielen Marktteilnehmern, dass sich gegenüber dem Zeitpunkt vor dem Auftritt eigentlich nichts geändert hat.

Mittwoch war wieder Greenspan-Tag. Gebannt warteten neben den Abgeordneten des Wirtschaftsausschusses im amerikanischen Kongress, denen die Rede gewidmet war, Medienvertreter und Millionen Aktionäre auf die ersten Worte des 76-Jährigen. Als Punkt 16 Uhr die Schlagzeile "US-Wirtschaft auf schwachem Pfad" über die Agenturen lief, knicken die Kurse ein. Sekunden später dann die Erholung, denn es heißt "Keine Anzeichen für beschleunigten Abschwung". Die Eilmeldung "Wenig Anzeichen für Vitalität bei Unternehmen" macht das Aufbäumen jäh zunichte. Die internationalen Aktienbörsen rauschen in die Tiefe. Der Dax fällt unter die charttechnisch wichtige Marke von 3 000 Punkten.

Greenspan ist da schon mit der ersten Passage seiner Rede, die den Ist-Zustand der US-Wirtschaft beschreibt, durch. Wer Aktien hält, ist ärmer. Doch eiskalte Spekulanten, die die Dramaturgie kennen - ein paar Worte zur aktuellen Konjunktur, dann ein Ausblick auf die kommenden Quartale - dürfen sich ein paar Minuten später glücklich schätzen - wenn sie auf das richtige Pferd gesetzt haben. Ihnen winkt ein Vermögen, wenn sie die richtigen Optionsscheine, Turbos oder Futures kaufen. Am liquidesten und mit dem besten Hebel sind übrigens die Scheine auf den Bund-Future ausgestattet. Dieser reagiert wie der allerfeinste Seismograph auf jede Silbe Greenspans.

Voraussetzung aber, dass die Wetten aufgehen, ist, dass Greenspan seinem Stil treu bleibt. Das heißt, sein Grund-Optimismus führt zu einem zweiten, positiven Teil der Rede.

Am Donnerstag ging das Kalkül auf. Kaum kommt der "Herr der Märkte" auf seine zukünftigen Erwartungen zu sprechen, flimmern Flashs wie "US-Wirtschaft ist ziemlich weit von anhaltenden Deflationstendenzen entfernt" und "Geringes Risiko für Verfestigung der Wachstumsschwäche" über den Bildschirm. Die Märkte reagieren prompt: Dax und Dow Jones springen an. Gegen 16.45 Uhr, als Greenspan zum Ende kommt, notieren die Börsen wieder dort, wo sie zu Beginn standen. Kein Wunder angesichts des Fazits der Analysten: "Keine Überraschungen".

Also alles wie gehabt? Im Prinzip ja, bis auf die Gewinne derjenigen, die die Nerven hatten, während der Rede in den Markt einzusteigen. Doch weil es schwer ist, Greenspans Botschaften richtig zu verstehen, dürften auch diesmal viele Spekulanten falsch gelegen haben.

Für klare Tendenzen sorgt an diesem Abend übrigens ein anderer: Saddam Hussein, indem er die Uno - Resolution annimmt. Weil er damit im Gegensatz zu Alan Greenspan klar Stellung bezieht - scheinbar -, drehen die Börsen steil nach oben.

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