Mit Kampfpreisen auf Kundenfang
Private rollen den Briefmarkt auf

Zunächst sorgte die Berliner Pin AG mit der Herausgabe der ersten privaten Briefmarke seit 100 Jahren nur bei Philatelisten für Aufsehen. Inzwischen hat sich der 1999 gegründete Briefdienstleister zu einem der größten privaten Konkurrenten der Deutschen Post gemausert.

BERLIN. Angesichts eines Marktanteils der Deutschen Post (DP) im Briefgeschäft von 98 % jedoch ein eher bescheidener Titel: 2002 will die Pin AG die Gewinnschwelle erreichen. Der Umsatz soll sich auf 10 bis 15 Mill. Euro mehr als verdoppeln.

Post überzieht Konkurrenten mit Klagen

Dennoch nimmt der gelbe Riese den in der Farbe Blau angetretenen Konkurrenten offenbar so ernst, dass er Pin mit Klagen überzieht. "Mindestens eine Klage läuft immer", sagte Unternehmensgründer, Mehrheitsgesellschafter und Aufsichtsratschef Bernhard Klapproth dem Handelsblatt.

Der private Postdienst jagt der Deutschen Post nämlich mit Kampfpreisen die Kunden ab und zeigt, dass der Verbraucher von mehr Wettbewerb deutlich profitieren kann. Eine Postkarte kostet bei Pin 35 Cent (DP: 51), der Standardbrief 39 Cent (56). Auf die Pin-Porti wird noch Mehrwertsteuer fällig.

Angebote von Pin führen zu massiven Ersparnissen

Allein die öffentlichen Einrichtungen des Landes Berlin könnten durch das Angebot von Pin mindestens 8 Mill. Euro im Jahr einsparen, sagte Klapproth. "Durch den Verzicht auf die Liberalisierung des Briefmarktes verschenkt die öffentliche Hand Milliarden", ist er überzeugt. Mit 650 Mitarbeitern liefert Pin in Berlin weit über 100 000 Briefe von 300 Kunden über 23 Verteilzentren aus.

Auch Detlef Hengstebeck, Geschäftsführer der Dortmunder WPS Westdeutscher Post Service, beziffert die möglichen Einsparungen auf 20 bis 30 % gegenüber den Tarifen der Deutschen Post. Zwar zählt die WPS viele Finanzämter im Ruhrgebiet unter den 600 Kunden. Die großen Stadtverwaltungen in Dortmund oder Bochum zieren sich aber noch. Die Tochter der Essener WAZ-Gruppe stellt mit 350 Zustellern 70 000 Briefe täglich zu. Mit schwarzen Zahlen rechnet Hengstebeck nicht vor 2004. Zunächst müsse das "riesige" Zustellgebiet "durchorganisiert" werden.

Konkurrenz muss höherwertige Leistung erbringen

Um der Deutschen Post Konkurrenz machen zu können, brauchen private Briefdienstleister eine Lizenz von der Regulierungsbehörde und müssen eine höherwertige Leistung erbringen: Briefe müssen innerhalb eines Tages beim Empfänger sein. Pin holt die Post gegen Abend bei den Kunden ab und stellt sie am nächsten Tag bis zwölf Uhr zu.

Gegen die Übernacht-Zustellung klagt aber die Deutsche Post. Dies sei keine höherwertige Leistung. Eine abschließende Entscheidung der Gerichte steht aus. WPS stellt die Post bislang am Abholtag zu. Um die Zustellgarantie erfüllen zu können, hat Pin 15 Mill. Euro in das Zustellnetz gesteckt. Klapproth und Hengstebeck halten zweistellige Umsatzrenditen für möglich.

Den größten Frust erlebte Klapproth 2001. Durch die umstrittene Weisung von Wirtschaftsminister Werner Müller wurde das Briefmonopol bis 2007 verlängert. Die Hoffnung auf eine schnelle Öffnung des Marktes hatte sich jäh zerschlagen.

Nur wenige Firmen haben überlebt

Damals haben viele Briefdienste aufgegeben, bestätigt die Regulierungsbehörde: 134 gegenüber 87 im Zeitraum von 1998 bis 2000 und 54 im ersten Halbjahr 2002. Die Statistik spricht Bände: Bis Juni 2002 hat die Behörde zwar 1 164 Lizenzen erteilt. Doch nur 500 Lizenznehmer sind am Markt tätig, zumeist kleine Betriebe. Nur fünf Firmen erzielen Umsätze von mehr als 10 Mill. Euro. Obwohl bereits 25 % des Briefmarktes mit einem Volumen von 2,5 Mrd. Euro für den Wettbewerb geöffnet ist, erzielen die Privaten nur einen Umsatz von 250 Mill. Euro und einen Marktanteil von 2,5 %.

Und es könnte noch schlimmer kommen: Nils Machemehl, Analyst von M.M.Warburg, ist sicher, dass die Paketdienste in das Briefgeschäft einsteigen werden. TNT, DPD oder German Parcel sind schließlich Töchter der holländischen, französischen und britischen Postkonzerne.

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