Mit neuen Suchmaschinen auf der Spur durch das "Deep Web"
Intelligente Spürnasen auf dem Weg durch Web

Spezial-Agenturen schicken Software-Roboter im Internet auf die Suche nach Informationen, die Unternehmen handfeste Vorteile bringen.

Gridpatrol ist ein Helfer und Spielverderber zugleich - es kommt eben ganz auf die Perspektive an. Den Spaß vermasseln soll er all denjenigen, die über Web-Tauschbörsen wie Audiogalaxy oder Morpheus digitalisierte Musikstücke am Urheberrecht vorbei tauschen. Sie müssen künftig die Spürnase des intelligenten Suchroboters fürchten. Andererseits soll Gridpatrol den betrogenen Eigentümern helfen, die Rechte an ihrem geistigen Besitz zu wahren.

Die Technologie für solche neuen Suchroboter wie Gridpatrol entwickelten Absolventen der Universität Cambridge. Ihre Ausgründung Envisional betreut von England aus bereits Unternehmen weltweit. In Deutschland beauftragten sie die Agentur Mediatime, um den deutschen Markt für den Profi-Suchdienst zu erschließen.

Sten Franke, Chef der Hamburger Web-Agentur, will die digitalen Roboter einsetzen, damit zum Beispiel Plattenfirmen erfahren, wer digitale Kopien der neuesten Anastacia-Scheibe in Umlauf bringt. Außerdem wollen die Hamburger für Modefirmen Markenpiraten aufspüren, die Produkte unerlaubt etwa bei Auktionshäusern unters Volk bringen. Auch für Software- Hersteller könnte die Maschine interessant sein, um Anbieter von raubkopierten Programmen aus den bislang anonymen Untiefen des Webs zu fischen.

Auch Unternehmer und Manager, die auf ihr sorgfältig gepflegtes Image bedacht sind, sollen mit Hilfe von Mediatime mitlesen können, was anonyme Surfer in Chat-Räumen über sie erzählen. "Mit unseren Suchrobotern geben wir den Unternehmen ein Stück der Kontrolle über das Internet zurück, die sie durch die zunehmende Komplexität des Mediums verloren haben", findet Franke.

"Unsere Suchroboter geben Unternehmen ein Stück Kontrolle wieder, die sie im Internet verloren haben."

Im Gegensatz zu den marktüblichen Suchmaschinen, analysieren die in England entwickelten Roboter nicht nur Suchbegriffe. Sondern sie untersuchen außerdem die binären Codes von Download-Vorgängen. Dass heißt: Beim Herunterladen werden Soundstrukturen, Programmelemente oder Bildbestandteile wiedererkannt und automatisch auf ihre Bedeutung und Relevanz gescannt.

Als "Überwachungsdienst gegen Wirtschaftskriminalität" will sich die Agentur Mediatime auf einem Markt positionieren, der sich in Deutschland gerade erst etabliert: Es geht um Auftragssuchen im Internet für Geschäftskunden. Der Markt entwickelt sich zunehmend, weil die kostenlosen Internet-Suchmaschinen es immer weniger schaffen, die mehr als 2 Mrd. Web-Seiten weltweit im Blick zu behalten, wie Suchmaschinen-Experte Klaus Schallhorn herausfand.

Sogar Branchenprimus Google benötige für die Aktualisierung seines Indexes vier Wochen. "Selbst die Größten haben Probleme, Änderungen zeitnah zu verfolgen", sagt Klaus Patzwaldt, Betreiber des Suchmaschinen-Informationsdienstes @web.de.

Zum anderen profitieren die neuen Dienstleister davon, dass Suchmaschinen wie Google, Altavista und Co. nur an der Oberfläche des Internet kratzen und dabei ignorieren, was Fachleute des Such-Spezialisten Bright Planet aus South Dakota als das "Deep Web" bezeichnen.

Das tiefe Netz besteht aus den Inhalten von Datenbanken, die dynamische Internet-Auftritte füttern. Hinzu kommen Einträge aus laufend aktualisierten Datensätzen wie Regierungs- und Patentdatenbanken, aus Online-Foren oder von speziellen Servern, die vor allem Daten zum Herunterladen bereithalten (FTP).

Suchmaschinen wie Google und Co. ignorieren, was Fachleute als das "Deep Web" bezeichnen.

Das "Deep Web" ist Michael Bergmann zufolge, Analyst bei Bright Planet, 400 bis 550-mal größer als das allgemein bekannte World Wide Web und soll 7 500 Terabyte Information enthalten - ein Wissensrohstoff, den heute kaum jemand anzuzapfen vermag.

Diesen Rohstoff zu bergen, ist das Geschäftsmodell für immer mehr Anbieter von Suchtechnologien. Denn: Ob Altavista, Northern Light oder Yahoo - sie alle haben das Problem, dass niemand bereit ist, für Suchdienstleistungen zu zahlen.

"Das Modell, kostenlose Suchdienste mit Online-Werbung zu finanzieren, ist fast überall gescheitert", urteilt Wolfgang Sander-Beuermann, Projektleiter im Rechenzentrum der Universität Hannover und Vater der Suchmaschine Metager. Auch David Seuss, CEO von Northern Light Technology, räumt ein: "Das Geschäftsmodell hat sich nicht in unserem Sinne entwickelt." Kein Wunder also, dass auch Marktgrößen inzwischen um bezahlte Suchaufträge ringen.

Zu den neuen Dienstleistern, die professionelle Suchaufträge entgegen nehmen, zählt auch die Abacho AG mit ihrer gleichnamigen Suchmaschine Abacho.de. "Bisher haben wir allerdings nur wenige Kunden", räumt Geschäftsführer Ingo Endemann ein. Eine sechsstellige Summe setzt Abacho in diesem Geschäftsfeld um. Künftig will die Firma verstärkt mit der Lizensierung ihrer Suchtechnologie Geld verdienen.

Das Problem: Alleskönnern wie Altavista oder Abacho fehlt oft noch ein klares Suchprofil und die Nähe zu ihren potenziellen Kunden. Branchenspezialisten sind da oft einen Schritt weiter. Beispiel Bionity.com: Die Gründer der Chemie.de Information Service GmbH kommen selbst aus der Pharmawelt und durchleuchten mit ihrer Fachsuchmaschine für klinische Studien gezielt 1,7 Mill. Online-Dokumente zu Themen wie BSE, Gentechnik und Stammzellenforschung.

Beispiel Digitale Hanse: Sie leistet Ähnliches für die Werbewirtschaft. Für Werbetreibende und Agenturen analysiert die Spezialagentur die Struktur von Internet-Daten nach speziellen Werbeformaten: Banner, Bannerrotationen, Popups, Richmedia, Affiliate- Buttons, Micro-Sites oder suchwortabhängige Werbung bei den Suchmaschinen selbst.

Die Experten der Digitalen Hanse beobachten alle grafischen Werbemittel, die über Web-Browser angezeigt werden. 350 mal am Tag durchforsten ihre digitalen Suchagenten mehr als 4 000 Internet-Angebote. Aus ihnen herauszulesen, wie lange eine bestimmte Anzeige tatsächlich geschaltet war, entspricht der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Doch die Mühe lohnt sich. So zahlen bekannte Internet-Agenturen wie die Argonauten dafür, dass sie erfahren, wie ihre Konkurrenz im Web wirbt. Media-Agenturen wie Active Agent nutzen dagegen den Service, um ihren Kunden schwarz auf weiß den Erfolg einer Web-Kampagne vorrechnen zu können.

Wie groß der Markt für solche Dienstleister in Deutschland ist, wagt bisher kaum jemand einzuschätzen. Bekannt ist allerdings: In diesem Jahr sollen in Deutschland der Meta Group zufolge im Wissens-Management 480 Mill. Euro umgesetzt werden. Rund 130 Mill. Euro werden dabei laut Schätzungen in Software fließen, 288 Mill. in Serviceleistungen.

Damit ist allerdings noch nicht die Frage geklärt, wie groß der Anteil externer Suchspezialisten an dieser Summe sein mag. Dennoch räumt Meta-Analyst Marc Tenbieg den spezialisierten Profisuchern gute Chancen ein. "Unternehmen kommt es nicht darauf an, wiederholt eine neue, noch effektivere Suchmaschine zu probieren, sondern zu wissen: Wo finde ich was mit welchem internen oder externen Aufwand und vor allem in welcher Zeit." Weil die populärsten Maschinen im Internet in der Regel aber kostenfrei seien, sehe kaum jemand ein, warum er für eine internet-bezogene Recherche eines Dienstleisters Geld zahlen solle. "Es sei denn, dass der Service einen klar messbaren Mehrwert besitzt - etwa Schnelligkeit, Informationsgehalt, Qualität."

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