Mit Neutronen lässt sich Krebs wirkungsvoll bekämpfen
Querelen um Reaktor behindern die Forschung

Ein neuer Reaktor in Garching könnte Industrie, Medizin und Forschung beflügeln. Doch er steht wegen politischer Querelen weiter still.
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Normalerweise trägt er Lederhosen. "Darauf sieht man nicht, dass der Fuchs drübergelaufen ist", sagt Wolfgang Waschkowski und irritiert damit seine Gesprächspartner aufs Höchste. Die Erklärung des promovierten Physikers: "In meiner Freizeit pflege ich verletzte und kranke Wildtiere." Manchmal sind es mehr als 100. Auch wenn ständig Uhus, Rehe und andere Waldtiere schwer krank oder verletzt sind und viel Hinwendung brauchen: Sein eigentliches Sorgenkind ist der neue Forschungsreaktor in Garching bei München, kurz FRM-II genannt, dessen Start er vorbereitet. Der ist zwar seit mehr als einem Jahr fertig, doch die letzte Genehmigung fehlt, weil das Bundesministerium für Reaktorsicherheit, geleitet von dem Grünen Jürgen Trittin, ständig neue Auflagen erteilt hat. Zuletzt ging es noch um Dinge wie die - allerdings kaum messbare - Verseuchung der Isar mit Radioaktivität. Dafür fühlt sich die Technische Universität München (TUM), die den Reaktor betreiben wird, nicht verantwortlich. "Das liegt daran, dass viele Münchner mit Radiopharmaka behandelt werden und dann in die Isar pieseln", lästert Waschkowski. Jetzt jedenfalls seien alle Auflagen erfüllt, alle Anfragen "peinlichst genau" beantwortet, so Waschkowski.

Dennoch geschieht nichts, um den 450 Millionen Euro teuren, von Siemens gebauten und von Bund und Land finanzierten Reaktor in Gang zu setzen. Trittins Sprecher Michael Schroeren weist die Verantwortung zurück nach Bayern, ins dortige Umweltministerium: "Wir haben die bayrischen Kollegen im vergangenen Dezember aufgefordert, die Unterlagen für die Genehmigung bis zum 1. Mai fertig zu stellen. Aber die kommen ja nicht zu Potte..." Die Bayern entgegnen entnervt, erst im Februar hätten Trittins Beamte 64 neue Fragen formuliert. "Die lassen sich nicht innerhalb von ein paar Wochen beantworten", sagt Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf. "Wir formulieren den neuen Genehmigungsantrag ohne Zeitdruck, damit das Trittin-Ministerium keine Möglichkeit zu neuen Ausflüchten hat." Nur eins steht fest: Niemand rechnet damit, dass die Betriebsgenehmigung noch vor der Bundestagswahl im September erteilt wird. Forschungsreaktoren liefern Neutronenstrahlen - Neutronen sind neben Protonen die Bausteine, aus denen sich Atomkerne zusammensetzen. Sie entstehen bei der Spaltung von Uran und sind vielfältig verwendbar. Sie können

  • wie Licht in einem Mikroskop genutzt werden, um Strukturen von Werkstoffen und Biomolekülen zu entschlüsseln n Tumore zerstören
  • radioaktive Medikamente herstellen n Silizium veredeln, um die Qualität der daraus hergestellten Halbleiter zu verbessern
  • verbotene Stoffe in Lebensmitteln finden
  • Defekte in wertvollen Bauteilen sichtbar machen, ohne sie zu zerstören
  • die stoffliche Zusammensetzung von Werkstoffen ermitteln
  • die Erforschung atomarer Strukturen voranbringen.



Junge Wissenschaftler wandern ab

Ungeduldig warten die Forscher, die an dem vor knapp zwei Jahren stillgelegten Atomei arbeiteten - so hieß der Vorgängerreaktor am gleichen Standort wegen seines charakteristischen Aussehens -, auf den Startschuss. Noch sind es rund 100. Doch "die Abwanderung von jungen Wissenschaftlern hat schon begonnen", klagt Professor Winfried Petry, Sprecher des Direktoriums des FRM-II. Auch die Industrie wartet auf den Startschuss, vor allem die Wacker Siltronic AG im nahe gelegenen Burghausen am Inn. Der weltweit führende Siliziumproduzent verfrachtet die Kristalle in Forschungsreaktoren in aller Welt, um sie durch Neutronen beschießen zu lassen. Dabei werden einzelne Siliziumatome in Phosphoratome umgewandelt, sodass sich die elektrischen Eigenschaften verändern. Die Kristalle werden anschließend in dünne Scheiben - Wafer - geschnitten. Darauf bauen Unternehmen wie Infineon Transistoren, Thyristoren und andere Bauelemente auf, die große Stromstärken vertragen. Eingesetzt werden sie beispielsweise in Elektroloks und zur Steuerung von elektrischen Antrieben. "Der Neutronenfluss im FRM-II wird so hochwertig sein, dass sich die Phosphoratome sehr gleichmäßig verteilen", sagt Jürgen Hage, der die entsprechende Geschäftseinheit bei Wacker Siltronic leitet. "Die Qualität der daraus hergestellten Bauelemente ist entsprechend hoch." Im FRM-II wurde eigens eine Bestrahlungseinrichtung für das Wacker-Silizium installiert. Die TUM GmbH-Tech vermarktet die Bestrahlung als Dienstleistung. Außerdem bietet sie Behörden die Untersuchung von verdächtigen Lebensmittelproben und der Industrie die Analyse von Werkstoffen an. Neutronenstrahlen machen Strukturen selbst im atomaren Bereich sichtbar, wichtig beispielsweise für die Herstellung von Katalysatoren.

Besonders begierig auf den Startschuss für den neuen Reaktor sind die Biotechniker. Mit Neutronen können sie die Zusammensetzung von meist sehr komplex aufgebauten Biomolekülen ergründen, ohne sie zu zerstören. Auch die Klinik für Strahlentherapie und Onkologie der TUM vermisst das Atomei schmerzlich. Dort waren im Laufe der Jahre 2500 Patienten bestrahlt worden, die an Krebs litten. 40 Prozent davon wurden vollkommen geheilt. Die Neutronenstrahlen lassen sich gut gegen oberflächennahe Geschwulste einsetzen, die noch keine Metastasen gebildet haben. Am FRM-II ist ein eigener Bestrahlungsraum installiert worden, um weitaus mehr Patienten zu behandeln als es im alten Reaktor möglich war. Seit kurzem ist er komplett fertig, einschließlich Wartezimmer mit grell-türkisfarbenen Sesseln. Die Behandlung dauert nur wenige Minuten, weil die Neutronen sehr effektiv sind: Sie zerstören die Erbsubstanz der Krebszellen, sodass diese sich nicht mehr teilen können und absterben. Mit der so genannten Neutroneneinfangtherapie lässt sich die Effektivität noch einmal drastisch erhöhen. Dazu werden ungiftige Verbindungen, die Bor enthalten, in die Tumoren geschleust. Bor saugt die zerstörerischen Neutronen auf wie ein Schwamm Wasser.

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