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Mit niedrigen Zinsen kommt die Kurswende

Die lang andauernde Korrekturphase an den Börsen hat vielen Anlegern den Spaß an Aktien verdorben. Doch Experten sehen Licht am Ende des Tunnels. Für die zweite Jahreshälfte erwarten sie ein freundlicheres Börsenklima, angeheizt durch sinkende Leitzinsen und eine wieder anziehende US-Konjunktur.

HB DÜSSELDORF. Seit nun fast einem Jahr ist an den Börsen der Schwung raus. Vor allem mit den Indizes, in denen viele Technologie-, Medien- und Telekommunikationaktien vertreten sind, ging es bergab. Diese Tendenz hat, wenn man den Hoffnungen der meisten Analysten glaubt, bald ein Ende. Sie erwarten, dass sich die Aktienmärkten zum Sommer hin erholen.

Michael Hartnett, Chefstratege für europäische Aktien bei der Investmentbank Merrill Lynch in London, macht zwei Voraussetzungen für eine Wende an den Börsen aus:Zum einen müssen die wichtigsten Notenbanken, die Europäische Zentralbank (EZB), die US-amerikanische Federal Reserve (Fed) und Bank von Japan die Zinsen weiter senken. Zum anderen muss sich die Wirtschaft in den USA stabilisieren.

Analysten warten auf Zinsschritt der EZB

Die Notenbanken scheinen ihren Part erfüllen zu wollen:Die japanischen Zentralbanker haben erst Ende Februar ihre Sätze zum zweiten Mal in diesem Jahr gesenkt und sind mit den eher symbolischen Raten wieder fast zu ihrer Null-Zins-Politik zurückgekehrt. Und in den USA hat Fed-Chef Alan Greenspan Hoffnung auf weiter sinkende Zinsen gemacht.

Diesem Trend wird sich auch die EZB nicht widersetzen können. Die Anlagestrategen für Privatkunden der Deutschen Bank erwarten, dass die Euro-Bank ihren Refinanzierungssatz bis zum Sommer um 50 Basispunkte auf 4,25% senken wird. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr erwarten die Experten der Deutschen Bank für 2001 deswegen keine gewinninduzierte Aktienkursentwicklung sondern eine, die von den niedrigeren Zinsen beeinflusst wird.

Patrick Schmidtke, Aktienstratege bei der Commerzbank-Tochter Commerz-Asset-Managers, rechnet auch damit, dass die sich die Aktienmärkte im zweiten Quartal erholen werden. "Man sollte zyklische Werte im Auge behalten", rät er. Als zyklisch gelten Aktien, die besonders stark von der wirtschaftlichen Entwicklung, dem Konjunkturzyklus, abhängen. "Wenn die Konjunktur, vor allem in den USA, wieder anzieht, dann reagieren die zyklischen Chipwerte am schnellsten", empfiehlt Schmidtke. Er rät aber auch zu Chemie- und Automobilwerten. Mittelfristig sieht er auch die Technologiewerte positiv, Telekomtitel hat er weiterhin übergewichtet.

Aus defensiven Werten wie Pharma-Aktien ist er bereits herausgegangen. Zwar rechnet er dort mit weiterem Wachstum, aber der "Sichere-Hafen-Effekt" werde künftig bei diesen Werten keine große Rolle mehr spielen. Der Hintergrund: In unsicheren Börsenzeiten waren defensive Titel gesucht, da diese wertstabilen Aktien Schutz vor allzu großen Kursverlusten boten.

Verhaltener schätzt Aktienstratege Klaus Schlote von Dresdner Kleinwort Wasserstein die Lage ein. "Die Situation ist unsicher, es gibt noch Revisionsbedarf bei den Gewinnerwartungen, besonders mit Blick auf 2002." Zwar rechnet auch er damit, dass die EZB im Verlauf des zweiten Quartals die Zinsen senken wird, das werde aber eher nur stabilisierend wirken. Vor einer nachhaltigen Kurssteigerung müssten erst strukturelle Defizite wie Überkapazitäten behoben werden.

Mit Rückenwind für die US-Wirtschaft rechnen die Aktienstrategen Neil Williams und Alain Kerneis von Goldman Sachs in ihrer Studie von Mitte Februar. Die Geldpolitik habe mittlerweile die Liquiditätsbremsen spürbar gelockert. Sie empfehlen Anlagen in Techwerte - allerdings außerhalb Europas, denn dort erwarten sie noch Gewinnwarnungen.

Interessant sei auch die Finanzbranche. Bei zyklischen Werten, die sie ebenfalls empfehlen, legen die Goldman-Sachs-Experten ihren Schwerpunkt auf Europa. Defensive Titel und Energieaktien gewichten Williams und Kerneis unter.

Dass die zyklischen Werte die Profiteure der Börsenwende sind, glaubt auch Merrill LynchSpezialist Hartnett. Dabei unterscheidet er in Zykliker der New und der Old-Economy. Die TMT-Aktien der New-Economy werden seiner Meinung nach besonders kurzfristig von den gesunkenen Zinsen und einer stabilen Nachfrage in den USA profitieren, schließlich haben sie in der Vergangenheit am meisten von ihren Kurshöchstständen abgeben müssen. Die Zykliker der Old-Economy werden dagegen eher mittel bis langfristig von den besseren Rahmenbedingungen profitieren, dafür aber nachhaltiger. "Es hat bei den zyklischen Werten der Old-Economy einen stillen Umstrukturierungsprozess gegeben, der es ihnen ermöglicht, zu profitieren, wenn die Weltnachfrage steigt", meint Hartnett. Die Überkapazitäten sieht der Merrill Lynch-Stratege eher bei den TMT?s: "Wir brauchen nicht mehr Mobiltelefone als wir Ohren haben."

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