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Mit «Parsifal» erlöst Schlingensief Bayreuth und sich selbst

Bayreuth (dpa) - Aufatmen auf dem «Grünen Hügel»: Mit seiner «Parsifal»-Inszenierung für die Bayreuther Festspiele hat Theaterprovokateur Christoph Schlingensief bei der Premiere alle Skandal-Ängste und -Befürchtungen in Luft aufgelöst.

Bayreuth (dpa) - Aufatmen auf dem «Grünen Hügel»: Mit seiner «Parsifal»-Inszenierung für die Bayreuther Festspiele hat Theaterprovokateur Christoph Schlingensief bei der Premiere alle Skandal-Ängste und-Befürchtungen in Luft aufgelöst.

Nach dem gewaltigen Rummel bis kurz vor der Premiere erntete der Regisseur, der seine erste Opernarbeit vorlegte, zwar auch Pfiffe und heftige Buhrufe, doch hielten sich Unmutsbekundungen und Beifall etwa die Waage, und viele Betrachter äußerten sich begeistert. Schlingensief präsentierte einen «Parsifal», der zwar polarisierte, aber nicht auf Schärfe und Provokation aus war.

Begleitet und unterstützt vom glanzvollen Dirigat des Franzosen Pierre Boulez, interpretierte der Regisseur Richard Wagners Spätwerk als heidnisch-christliches Kult-Stück um Geburt, Tod und Erlösung in üppiger Bilderfülle und mit schier unerschöpflichem Ideenreichtum.

«Wir wollten Bayreuth andere Bilder als gewöhnlich zeigen, und das haben wir geschafft,» sagte ein entspannter Schlingensief nach der Aufführung beim Staatsempfang, wo das Künstlerteam mit frenetischem Applaus begrüßt wurde. Keine Frage: Mit seinen Film- und Videoeinblendungen, von denen er viele selbst in Namibia und Nepal gedreht hat, hob der 43-Jährige die Festspiele in eine Bilder-Dimension, die dort bisher unbekannt war. Damit wurde Schlingensief gewissermaßen zum doppelten Erlöser: Die Festspiele befreite er vom Dauervorwurf, unfähig zu wirklich Neuem zu sein - und sich selbst von der Angst des Scheiterns.

Schlingensief bedient sich in seiner anspielungsreichen Inszenierung uralter Mythen und nimmt Anleihen bei afrikanischen Traditionen. Er zeigt die mit Zäunen und Stacheldraht bewehrte Gralsburg als einen Schmelztiegel von Nationen und Religionen, die gemeinsam des Frieden stiftenden Erlösers harren.

Dort, bei der Gralsenthüllung durch den leidenden Amfortas und der späteren «Erlösung» durch den Christus-gleichen, blutbefleckten Parsifal im Schlussbild, gelingen ihm die beeindruckendsten Szenen. Sein Problem ist allenfalls, dass er manches Mal zu viel will. «Worte - Zeichen - Male» steht auf einer der Wände, und mit Worten, Zeichen und Symbolen ist die Inszenierung so sehr überladen, dass der Zuschauer unmöglich alles erfassen kann.

Auf einer mit Wänden, Behausungen und Kultgegenständen zugestellten Drehbühne (Bühnenbild: Daniel Angermayr/Thomas Goerge), die einem afrikanischen Dorf ähnelt, wandert Gurnemanz von Station zu Station. Immer wieder werden die Szenen mit unruhigen, flackernden Videosequenzen überblendet, als deren zentrale Figur Schlingensief - inspiriert von Joseph Beuys - den Hasen ins Spiel bringt: Mythos der Fruchtbarkeit, Symbol der Friedenssehnsucht, doch auch Opfertier; am Ende - in bühnenfüllender Projektion auf die Leinwand geworfen - tot, verwesend.

Als wahrer Glücksfall für diesen «Parsifal» erwies sich Pierre Boulez. Der 79-jährige Dirigent, der nach mehr als 30 Jahren auf den «Hügel» zurückkehrte, verzichtete auf die vermeintlich weihevollen, oft quälenden Zerdehnungen der Musik und stellte mit dem konzentriert spielenden Festspielorchester einen transparenten, kristallenen Klang von großer Schönheit und Reife her. Der machtvoll singende Festspielchor unter Eberhard Friedrich rundete die musikalische Glanzleistung ab.

Dagegen haben es die Sänger bei der Opulenz der Inszenierung schwer, eigene Akzente zu setzen. Am besten gelang dies Robert Holl, der den in zotteliges Fell gehüllten Gurnemanz (Kostüme: Tabea Braun) mit kraftvoller Ausstrahlung sang.

Auch John Wegner als Klingsor - im etwas schwächeren zweiten Aufzug - und Alexander Marco-Buhrmester als weiß gewandeter Amfortas gestalteten ihre Rollen mit Expressivität. Endrik Wottrich in der Titelrolle hingegen, der sich im Vorfeld bitter über die Inszenierung beklagt hatte, konnte seinen markigen Worten keine sängerischen Glanztaten folgen lassen, er blieb blass.

Bayreuth-Debütantin Michelle de Young verlieh der Kundry - die zur Verblüffung und Erheiterung des Publikums im dritten Aufzug urplötzlich als Schwarze auftritt - manch schmeichlerischen Ton, verstieg sich jedoch phasenweise in allzu schrille Töne.

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