MIT-Professorin Judith Donath im Interview
„Neue Form der sozialen Kommunikation“

Judith Donath ist Professorin am Media Lab des Masschusetts Institute of Technology (MIT) und leitet dort die Forschungsgruppe "Sociable Media Group". Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt sie die Potentiale und Gefahren der neuen Online-Welt und gibt einen Ausblick auf ihre zukünftige Forschung. Die Fragen stellte Regina Krieger:

Handelsblatt: Seit rund 20 Jahren sind wir jetzt im Internet. Hat sich die Gesellschaft verändert?

Donath: Das Internet hat mehr Zugang zu Informationen gebracht. Eine große Zahl von Menschen kann auf eine große Menge publizierten Wissens zugreifen und mit anderen im Netz darüber diskutieren - Interaktion ist möglich mit Menschen mit ähnlichen Interessen oder Problemen.

Gibt es innerhalb der Onlinewelt eine neue Art der Beziehungen?

Ja. Früher war es so, dass sich viele, die sich bei einer Konferenz oder einer Party trafen, schnell wieder aus dem Blick verloren. Die neue Technik macht es nun leichter, in Kontakt zu bleiben. Menschen haben heutzutage sehr viele Kontakte durch soziales Networking. Die Frage ist: Was wollen die Leute wirklich von ihren Kontakten? Wollen sie eine Erfolgserfahrung unter dem Motto "Wow, ich habe 10 000 Freunde", oder findet schon die Bildung einer anderen Form der sozialen Kommunikation statt? Ich glaube, das Zweite trifft zu. Es gibt eine neue Art von Beziehungen.

Das gilt vor allem für die Jugendlichen . . .

. . . ja, wir sehen einen deutlichen Wandel. Sie finden neue Wege der Kontaktaufnahme. Dieses Phänomen, das seit zirka fünf Jahren auftritt, hängt nicht allein vom Internet ab, sondern auch von technischen Neuerungen wie Video-Handys. Die neuen Technologien haben einen positiven Nebeneffekt: Alle können an einer kreativen Kultur teilhaben. In der Ära der Massenmedien wie dem Fernsehen konnten nur wenige Menschen Informationen publizieren. Jetzt ist das anders: Dank Webseiten wie FlickR oder Youtube oder eigener Homepages können Menschen viel leichter als früher ein Publikum für das finden, was sie machen.

Droht eine Spaltung der Gesellschaft in die, die "drin" sind, und die, die offline bleiben - aus eigener Überzeugung oder weil ihnen die Möglichkeiten fehlen?

Wer offline bleibt, hat sich so entschieden. Darüber bin ich nicht besorgt. Aber wir müssen auf die schauen, die keine Möglichkeit haben, online zu gehen. Es gibt eine riesige Kluft auf Grund des fehlenden Zugangs zu Ressourcen. Je mehr Informationen den Menschen zur Verfügung stehen, die Zugang zum Internet haben, desto größer wird die Spaltung der Gesellschaft. Aber es gibt die Hoffnung, dass die Barriere relativ einfach zu überwinden ist: mit Projekten wie "One Laptop per Child". Wir können einen Computer bauen, der nicht teuer ist, und damit Zugang zu allen Informationen im Internet schaffen. Man kann mit dem Gerät vielleicht keine Videos auf Youtube stellen, aber an Diskussionen teilnehmen. So wird hoffentlich sehr schnell die Zahl derjenigen abnehmen, die nicht vernetzt sind.

Schauen wir in die Zukunft: Wie sieht unsere Gesellschaft im Jahr 2525 aus? Leben wir dann in einer friedlichen, demokratischen "Web 3.0"-Gemeinschaft?

Ich sehe sehr wundervolle Szenarien und beängstigende. Zu den beängstigenden zählt, dass wir noch keine Lösung für das Problem der privaten Inhalte im Netz haben. Sehr viele Menschen veröffentlichen Details aus ihrem Leben im Netz - in Foren, die zum großen Teil in Privatbesitz sind. Alle großen sozialen Network-Seiten gehören Privatunternehmen. Die Leute habe keine Ahnung von dem, was mit ihren Daten geschieht. Google zum Beispiel archiviert alle Suchanfragen für sechs Monate.

Was kann denn passieren?

Im Netz stehen Daten über Vermögen und Schulden, über Aspekte der Persönlichkeit und den Werdegang, über die sich jeder informieren kann, ohne mit der Person zu sprechen. Das ist etwas essenziell Neues für die Entwicklung realer Beziehungen und könnte in einer weniger wohlwollenden Gesellschaft zu Kontrolle führen. Die Menschen könnten ihrer Rechte beraubt werden, es könnte zu beängstigenden Szenarien kommen.

Sie schließen eine solche Entwicklung nicht aus?

Es ist schwer zu sagen. Vor sechs Jahren hätte niemand 9/11 vorhergesagt, und niemand hätte vorhergesehen, dass das zu sehr scharfer Repression der bürgerlichen Freiheiten führen würde. Die Menschen mussten sehr viel Privatsphäre aufgeben, damit Terroristen besser gejagt werden können. Ich kann nicht einmal sagen, was in zwei Jahren passiert, das hängt davon ab, ob die Menschen private Informationen herausgeben wollen.

Sie arbeiten am MIT Media Lab, dem berühmtesten "Zukunftslabor" der Welt. Wohin geht die Forschung?

Ich schreibe gerade ein Buch, in dem ich die aus Biologie und Ökonomie stammende "signaling theory" auf menschliches Verhalten anwende. Das meiste von dem, was wir voneinander wissen wollen, ist nicht offen zu beobachten, vieles ist verborgen. Verlassen wir uns auf erkennbare Signale? Die Gefahr von Übertreibung und Unehrlichkeit ist groß. Das scheint mir ein Schlüssel zu sein, um menschliche Kommunikation grundsätzlich zu verstehen und vor allem Online-Kommunikation, denn online ist alles Signal.

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