Mit "Schnappschüssen" bringt der Fotogrraf Peter Badge Stars näher
Preisträger aus Fleisch und Blut

Alte Männer mit Hunden oder in Badehosen: Passend zur Verleihung der Nobelpreise erschien 2004 ein Bildband mit den Porträts früherer Laureaten.

HB DÜSSELDORF. Erst viel später wird Peter Badge wissen, dass das alles nicht persönlich gemeint war: Nicht ein einziges Wort wechselte Alexander Solschenizyn mit dem jungen deutschen Fotografen, als der den 85-jährigen Literatur-Nobelpreisträger im März auf einem ummauerten Anwesen 30 Kilometer außerhalb Moskaus aufgestöbert hatte. "Solschenizyn betrat den Raum, gab mir stumm die Hand und setzte sich hin. Ich habe ihn zehn Minuten fotografiert, bis er wortlos aufstand und ging", erzählt Badge.

Das Ergebnis dieses Fototermins in der Moskauer Peripherie findet sich auf Seite 156 des Bildbands "Nobelpreisträger im Porträt", der heute Abend auf der Frankfurter Buchmesse erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wird: Ernst, nachdenklich und etwas müde, aber keinesfalls unfreundlich blickt der lange verschollen geglaubte Autor von "Archipel Gulag" in die Kamera - porträtiert als ein Mann, "der den Kopf nicht unbedingt frei hat", wie es Art-Cologne-Direktor Gérard Goodrow formuliert. "Auf dem Foto zeigt uns Badge einen Denker, durch dessen Augen man wirklich wie durch ein Fenster in sein innerstes Selbst zu blicken scheint." Ein eigenwilliger, durchaus kauziger Typ, der, wie Badge erst nach seiner Begegnung mit Solschenizyn erfahren wird, in den siebziger Jahren sogar Pressekonferenzen abhielt, auf denen er kein einziges Wort sagte. Badge: "Ein einfach faszinierender Mensch."

Irgendwie gilt das für jeden der 246 Charaktere, die Badge in den vergangenen vier Jahren mit seiner Nikon F4 besucht hat: Fast alle lebenden Nobelpreisträger hat der in Berlin lebende Künstler seit dem Jahr 2000 mit der Kamera porträtiert. Das Ergebnis des aufwendigen Fotoprojekts ist ein einzigartiges Panoptikum der größten Naturwissenschaftler, Literaten, Politiker und Ökonomen unserer Zeit: Der Entdecker der DNA, James Watson, ist dabei, der Erfinder des Lasers, Charles Townes, und der geistige Vater des Monetarismus, Milton Friedman.

Und zu jedem der Bilder kann Badge eine hübsche Geschichte erzählen. Zum Beispiel zum Porträt von Paul Samuelson, das den inzwischen 89 Jahre alten Ökonomie-Nobelpreisträger von 1970 auf einem Sofa neben seinem Hund zeigt: "Ich habe Samuelson in seinem Ferienhaus angerufen, das Projekt geschildert, und er hat gesagt: ,Gerne, kommen Sie vorbei. Ich wohne hier mit meinem Hund und mit meiner Frau? - in genau dieser Reihenfolge."

Oder zum Besuch beim Physiker Hans G. Dehmelt, den Badge mit nacktem Oberkörper und Sonnenhut fotografierte: "Dehmelt lag, nur mit einer Unterhose bekleidet, am Pool und frage mich: ,Sie wollen alte Männer fotografieren? Dann fangen Sie mal an!?"

Oder die Begegnung mit John Nash, dem lange Jahre geisteskranken Spieltheoretiker, dem Hollywood in "A Beautiful Mind" ein Denkmal setzte. "Im ersten Moment hat Nash etwas tendenziell Angst einflößendes, etwas Unheimliches an sich", erinnert sich Badge. "Aber das legt sich sehr schnell." Nachdem er den Ökonomie-Nobelpreisträger von 1994 in dessen Landhaus auf einem geblümten Sofa fotografiert hatte, verbrachte er den gesamten Abend mit dem genialen Mathematiker, der inzwischen als geheilt gilt.

So unterschiedlich die Aufnahmen auch sind, ein verbindendes Element haben fast alle der 246 Porträts: Nie glorifiziert Badge die Nobelpreisträger zu fast übermenschlichen Ikonen der Wissenschaft, sondern stellt sie dar als Menschen aus Fleisch und Blut. "Badge zeigt seine Modelle von ihrer entspannten, nicht öffentlichen Seite", beschreibt Art-Cologne-Direktor Goodrow die Bilder, die "enthüllen, ohne voyeuristisch zu sein".

Neben dem fotografischen Talent, der Bild-Idee und dem Gefühl für den richtigen Augenblick ist es auch die von Badge verwandte Technik, die seinen Bilden eine fast intime Atmosphäre verleihen: Er hat ausschließlich mit hoch empfindlichen Schwarz-Weiß-Filmen gearbeitet - die Grautöne reduzieren das Motiv auf das Wesentliche, und der Fotograf kann fast immer ohne Blitz oder andere künstliche Lichtquellen auslösen. Hinzu kommt, dass Badge meist ein 50-Millimeter-Normal-Objektiv benutzt, dessen Abbildungsmaßstab fast genau dem des menschlichen Auges entspricht. Das schafft Authentizität und Nähe, allerdings muss der Fotograf für formatfüllende Aufnahmen seinen Modellen dann bedrohlich nah auf die Pelle rücken.

"Viele der Bilder sind im positiven Sinne Schnappschüsse", sagt Peter Frieß. Als früherer Direktor des Deutschen Museums in Bonn organisierte Frieß 2001 eine Ausstellung zum 100. Nobelpreis-Jubiläum. "Nachdem wir die ersten Bilder von Badge gesehen hatten, war uns ziemlich schnell klar, dass wir versuchen sollten, wirklich alle lebenden Laureaten zu fotografieren", erinnert sich Nikolaus Turner, Vorstandsmitglied der Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertreffen und Herausgeber des Bildbands.

Der in Berlin lebende Fotograf Badge war zu Beginn des Projekts gerade 26 Jahre alt, hatte in Sachen Prominenten-Porträts aber trotzdem schon einige Erfahrung. Bereits Anfang der neunziger Jahre, noch als Gymnasiast, hatte er angefangen, Stars zu fotografieren. Zusammen mit seinem Schulfreund Benjamin von Stuckrad-Barre, der später als Journalist und Buchautor eine steile Karriere machte, arbeitete Badge für das Göttinger Stadtmagazin "Nightlife". Stuckrad-Barre schrieb die Geschichten über Pop-Stars, Badge machte die Fotos. "Benni und ich haben eine Zeit sehr viel zusammen gemacht. Heute haben wir uns aus den Augen verloren", erzählt Badge. Nach dem Abitur ging er nach Berlin, schrieb sich an der Uni für Kunstgeschichte und Archäologie ein. "Von Anfang an habe ich aber mehr fotografiert als studiert", erzählt er. Seine Abschlussarbeit ist derzeit noch in der Mache.

Nach und nach bekam Badge in Berlin Kontakt zu Musikern wie Herbert Grönemeyer und Heinz Rudolf Kunze, für die er Porträts und Plattencover produzierte. Über Kunze veröffentlichte er 1999 auch seinen ersten Bildband.

Doch keines seiner bisherigen Projekte war auch nur ansatzweise so komplex wie das Nobelpreisträger-Projekt. "Seit 2002 war ich nie länger als sechs Tage am Stück in Deutschland", erzählt er. Bei einigen Terminen sind gar Freundschaften entstanden. So wird Badge den Mediziner Edmond Henri Fischer, den er in kurzen Hosen und T-Shirt nahe Seattle porträtierte, im Sommer wieder treffen. "Fischer hat mich eingeladen, auf seiner Insel Urlaub zu machen", erzählt er. "Dann werde ich beim Baumfällen helfen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%