Mit Sonderaktionen in die Adventswochen
Rabatte und Halleluja

Für den Einzelhandel droht 2002 das schwächste Jahr der Nachkriegszeit zu werden, wenn - ja, wenn das Weihnachtsgeschäft nicht doch noch einiges rausreißt. Also legen sich die Händler besonders ins Zeug: Die Kaufhäuser bieten nicht nur schimmernde Sternenketten, blinkende Weihnachtsbäume auf jeder Etage und Halleluja-Gedudel allerorten, sondern sie versuchen auch mit Sonderaktionen wie der befristeten Wiedereinführung der D-Mark den weihnachtlichen Kaufrausch anzukurbeln.

DÜSSELDORF. Doch alles Geglitzer und Geschacher kann eines nicht verdecken: Die Händler sind verunsichert wie nie. Keiner will sich mit waghalsigen Prognosen aus dem Fenster lehnen. "Wenn es jetzt nicht klappt, dann können wir uns verabschieden", beschreibt Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE), die Stimmung in der Branche. Die Kaufzurückhaltung der Bevölkerung sei kaum zu knacken. Eine endlose Steuerdebatte, die unterm Strich mehr Belastungen für die Bürger bedeute, und das Gefühl, "das dicke Ende kommt erst noch", drücken auf die Gemüter. "Große Anschaffungen werden wieder und wieder aufgeschoben", sagt Pellengahr. Trotz Weihnachtsgeschäft hält der Branchenverband an seiner Prognose fest, dass 2002 der Umsatz im Einzelhandel um 2,5 % schrumpfen wird.

"Wenn man das Jahr beobachtet hat, dann konnten einem schon Zweifel kommen", meint auch Eva Maria Stempel, Sprecherin des größten europäischen Spielzeughändlers Vedes in Nürnberg. Sie hat festgestellt, dass die Kunden wählerischer geworden sind, Spontankäufe seltener wurden. Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres hatte die Vedes-Gruppe Umsatzeinbußen von 7 % hinnehmen müssen. Noch gibt es Hoffnung, denn rund 40 % ihres Umsatzes erwirtschaften die Spielwarenhändler in den Wochen vor dem großen Fest. "Wir tun alles, damit das Weihnachtsgeschäft gut läuft", sagt die Vedes-Sprecherin, doch "ob sich unsere Erwartungen erfüllt haben, das können wir erst im Januar sagen."

Ähnlich sieht es bei Karstadt aus. "Die Verbraucher sind extrem verunsichert", glaubt Sprecher Elmar Kratz. In den ersten drei Quartalen sind Umsatz und Gewinn des Karstadt-Quelle-Konzerns im Vergleich zum Vorjahr stark eingebrochen, jetzt warten alle auf Weihnachten: "Das Weihnachtsgeschäft wirkt wie ein zusätzlicher Verkaufsmonat", sagt er. Vor allem den Verkauf von Spielwaren, Parfums und Büchern kurbelt das Fest an. Im vierten Quartal hat Karstadt den vergleichsweise bescheidenen Vorsatz, etwa 8 % mehr als sonst zu erwirtschaften: "Wir bleiben misstrauisch", meint Kratz dazu.

Die Zurückhaltung, die sich der Karstadt-Sprecher und andere auferlegen, ist seit dem vergangenen Wochenende allerdings einem gewissen Berufsoptimismus gewichen. Am vergangenen Samstag waren die Läden in den meisten großen Städten zum ersten Mal bis 18 Uhr geöffnet. Eigentlich ist das vor der Adventszeit noch nicht erlaubt, doch lokale Einzelhändler hatten die Stadtverwaltungen bekniet, Ausnahmeregelungen geltend zu machen: "Weil die Händler so nervös waren, sind sie in diesem Jahr besonders früh ins Weihnachtsgeschäft gestartet", sagt HDE-Sprecher Pellengahr.

Zu Recht, wie die Unternehmen beobachtet haben wollen: "Das Wochenende hat unsere Erwartungen übertroffen", sagt Tanja Stephani von der Parfümeriekette Douglas - für sie ein eindeutiger Beweis, dass sich die Kunden vom politischen Geschehen nicht das sinnlichste Fest des Jahres vermiesen lassen. Rund 36 % ihres Gesamtumsatzes hat die Douglas-Holding vergangenes Jahr im vierten Quartal erwirtschaftet. In diesem Jahr könne zumindest das Geschäft mit feinen Düften auch besser laufen, meint Stephani. Auch der Karstadt-Sprecher kann sich inzwischen "ein kleines Plus im Vorweihnachtsgeschäft" vorstellen. Die Nervosität der Branche weiche der Zuversicht, meint HDE-Sprecher Pellengahr.

Allerdings sind diese Einschätzungen um diese Zeit alle Jahre wieder zu hören. Wer klagt, vergrault die Kunden erst recht, lautet die Strategie dahinter. Entwarnung mag denn auch keiner geben: "Unter der Woche", heißt es beim Einzelhandelsverband, "läuft das Geschäft immer noch ziemlich mau."

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