Mit traditionellen Anlagen lassen sich die Gewinnzusagen der Assekuranz nicht mehr erfüllen
Versicherer müssen Neuland betreten

Je länger der Bärenmarkt an den Börsen anhält, umso dramatischer schwinden die Reservepolster der Lebensversicherer und Versorgungswerke. Als Ausweg bieten sich alternative Anlageklassen wie etwa Private Equity an. Doch der Assekuranz mangelt es an Fachleuten, viele Anlagemanager halten sich zurück.

HB FRANKFURT/M. Lebensversicherer, Versorgungswerke und Pensionskassen eint das gleiche Schicksal: Im Zeichen der weltweiten Börsenbaisse und angesichts magerer Bond-Renditen suchen sie nach Rezepten gegen den Renditeverfall. Sinkende Überschussbeteiligungen und die Auflösung stiller Reserven versetzen die Finanzmanager in Stress. Ein möglicher Ausweg wären verstärkte Anlagen in Private Equity, also außerbörsliches Beteiligungskapital. Viele Asset Manager scheuen aber diesen Schritt, weil sie die neuen Risiken nur schwer einschätzen können.

"Die Kapitalanlage ist kein Selbstläufer mehr, das Entscheidungsumfeld ist viel komplexer als noch vor fünf Jahren", beobachtet Patrik Bremerich von der Beratungsgesellschaft RMC Risk Management Consulting. Private Equity sei für viele Assekuranz-Manager Neuland, aber auf mittlere Sicht könne man sich anspruchsvolleren Asset-Klassen aber nicht mehr länger verschließen. Denn die absoluten Renditen hätten hier historisch betrachtet bei durchschnittlich 15 % p.a. gelegen. Ähnlich sieht es Reinhard Blei, Vorstandschef der Gothaer Leben (Handelsblatt, 6.5.2002).

Im Gegensatz zu den institutionellen Anlegern in Deutschland sind die angelsächsischen Adressen sehr viel erfahrener im Umgang mit "Alternative Assets". Pensionsfonds wie Calpers, Stiftungen wie die Mayo Foundation oder auch betriebliche Pensionskassen von Coca-Cola und Walt Disney halten durchschnittlich acht bis zehn Prozent ihres gebundenen Vermögens in Private Equity. Für Deutschland schätzen Fachleute den Anteil auf weniger als ein Prozent. "Wir stehen in Deutschland erst am Anfang der Entwicklung", sagt Rüdiger Kollmann, Vorstand der auf die Betreuung institutioneller Kunden spezialisierten Solutio AG.

Für die führenden Versicherer in Deutschland, die sich intensiv mit Wagniskapital-Investments beschäftigen, sieht Kollmann in den nächsten Jahren einen Anstieg auf drei bis fünf Prozent der gebundenen Mittel. Konservative Branchenschätzungen sehen ein Anlagepotenzial zwischen 25 bis 30 Mrd. Euro, dass direkt oder über Dachfonds global investiert wird.

"Private Equity ist ein stark wachsender Nischenmarkt", meint Maximilian Brönner, Partner bei der schweizerischen LGT Capital Partners. Tendenziell steige die Bereitschaft, in Private Equity zu investieren, mit der Höhe der Kapitalanlagen. Heute hätten etwas mehr als 50 % der deutschen Versicherer und 20 % der Pensionskassen hier investiert. Als stark engagiert gelten die Allianz, die Ergo-Gruppe, der Axa-Konzern und Gothaer.

Bei manchen Häusern werde das Thema aber nur "einmal die Woche am Nachmittag erörtert", wie ein Beobachter berichtet. Dies führt zu falschen Weichenstellungen: "Obwohl allgemein mindestens 50 % der Investitionen im Buyout-Segment empfohlen werden, neigen besonders deutsche Investoren zu teilweise hohen Allokationen von 80 bis 90 % im riskanteren Venture Capital", so die Einschätzung von Brönner.

Das kann gefährlich werden und den vermeintlichen Renditeturbo zu einem Rohrkrepierer werden lassen. Denn die goldenen Zeiten sind auch für die Beteiligungsmanager der Private Equity-Fonds vorbei. Der Zusammenbruch der Bewertungen für die Beteiligungsportfolios und der abrupte Stopp der Börsengänge hat die Risikokapitalgeber ernüchtert. Dafür sind die Bewertungen der Zielunternehmen jetzt niedriger, der Einstiegszeitpunkt scheint günstig "Das alles überragende Risiko ist die Managerauswahl der Private Equity-Fonds", sagt Bremerich. Denn die Renditeunterschiede zwischen den besten und schlechtesten Fonds sind erheblich. Die Finanzvorstände der Versicherer müssen deshalb entscheiden, ob sie die Auswahl und das Controlling der einzelnen Fonds "inhouse" angehen wollen oder ob sie auf eine externe Expertise zurückgreifen. Eine Abwägungssache: Beim Outsourcing an Dritte verschwinden die Mittel aus dem direkten Einflussbereich, dafür werden eigene Mitarbeiter, die bisher eher mit Bonds vertraut waren, nicht überfordert.

Die neue Anlage-Klasse erfordert ein Umdenken. Ein "zentrales Dilemma" ist bei Private Equity die eingeschränkte Liquidität der Investments, deren Laufzeit im Schnitt zehn bis zwölf Jahre beträgt, wobei in den ersten fünf Jahren in der Regel keine nennenswerten Erträge zu erwarten sind. "In den ersten Jahren wirft Private Equity keine laufende Rendite für die Versicherung ab", so Bremerich von RMC. Viele Portfoliomanager verzichteten deshalb zu Gunsten kurzfristiger Erträge aus Anleihen oder Immobilien auf die langfristigen Chancen bei Wagniskapital.

Die Finanzvorstände der Versicherer können ihre Zurückhaltung bei Privat Equity nicht mehr mit zu restriktiven Gesetzen begründen: An Stelle des § 54 Versicherungsaufsichtsgesetz ist eine Anlageverordnung getreten, die grundsätzlich eine Erweiterung der Anlagemöglichkeiten in Private Equity vorsieht, sagt Patrick Biagosch von der Kanzlei Clifford Chance Pünder. Jetzt müssen Versicherer die Freiheiten auch nutzen.



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