Mit Turbo-Papieren können Anleger ihren Gewinn schnell ausbauen
Start frei für Turbos

Zertifikate mit Hebelwirkung machen Optionsscheinen starke Konkurrenz. Doch ein eingebauter Knock-Out befördert so manchen Anleger zurück in die Box.

DÜSSELDORF. Mit kleinem Einsatz große Gewinne einfahren - davon träumt jeder Anleger. Seit einigen Monaten gibt es für Investoren ein neues Instrument, um diese Wunschvorstellung umzusetzen: Mit Turbozertifikaten können sie auf die Entwicklung von Aktien, Indizes, Währungen oder Rohstoffen wetten und schnell ihren Einsatz vervielfachen. Die Produktpalette wird immer breiter: Die Öl-Turbos von ABN Amro stellen die neueste Entwicklung dar.

Wer nicht aufpasst, fliegt aus der Kurve

Natürlich stehen den Chancen auch entsprechende Risiken gegenüber. Laufen die Kurse in die falsche Richtung, ist das Kapital schnell geschwunden. Wird eine bestimmte Schwelle passiert, ist es sogar fast komplett verloren. "Die Turbos sind nur etwas für sehr risikofreudige Anleger, die ihr Investment ständig im Auge behalten können", sagt Jan Decken, Derivateexperte beim Finanzinformationsanbieter Onvista.

In der Finanzszene gehen die Meinungen darüber auseinander, ob die Turbos überhaupt den Begriff Zertifikate im Namen tragen sollten, schließlich haben sie mit den eher konservativen Anteilsscheinen wenig gemein. Die Deutsche Bank hat daher für ihre Produkte den Namen Wave gewählt, was für "Warrant Alternative Vehicel" steht und vom Risikoprofil her die Nähe zum Optionsschein (Warrant) verdeutlichen soll.

Wer sich allerdings der Gefahren bewusst ist und sich gründlich über die Funktionsweise der Produkte informiert, kann mit ihnen recht einfach seine Spekulationsstrategie umsetzen. Im Gegensatz zu den lange dominierenden Optionsscheinen spielt bei den Turbos der Einfluss der Schwankungsbreite am Aktienmarkt (Volatilität) keine Rolle. Steigt der zu Grunde liegende Basiswert um einen Punkt, steigt auch das Turbo-Zertifikat um einen Punkt. Der Hebeleffekt der Papiere resultiert aus dem im Vergleich zu einer Direktanlage geringeren Kapitaleinsatz.

Die Kurse ständig im halten

Ein Beispiel: Steht der Dax bei 5 000 Punkten, würde ein normales Zertifikat auf das Kursbarometer bei einem Bezugsverhältnis von 1 zu 100 eigentlich 50 Euro kosten. Ein Turbo-Zertifikat ist allerdings mit einem Wertpapierkredit ausgestattet, der zum Beispiel 45 Euro betragen kann. Anleger zahlen daher nur 5 Euro für das Papier, hinzu kommen noch 3,63 Euro Aufgeld. Das sind die Finanzierungskosten für den Kredit bis zum Ende der Laufzeit, von denen die erwarteten Dividenden abgezogen wurden. Der Preis des Zertifikats liegt also bei 8,63 Euro statt 50 Euro. Steigt der Dax um 300 Punkte (6 Prozent) auf 5 300 Punkte, klettert auch das Zertifikat um 3 Euro (300:100) und kostet nunmehr 11,63 Euro. Durch die Hebelwirkung hat der Anleger aber 34 Prozent statt nur 6 Prozent verdient. Bei fallenden Kursen wirkt sich der gleiche Mechanismus allerdings auch in die andere Richtung aus. Im Zeitverlauf verlieren die Turbos darüber hinaus jeden Tag ein wenig an Aufgeld, weil der Kredit an Wert verliert.

Im Prinzip sind die Turbo-Zertifikate nichts anderes als für Privatanleger nachgebaute Futures. Diese Geschäfte werden von Profis an den Terminbörsen getätigt und besitzen wegen der Pflicht, eventuell mehr Geld "nachzuschießen", ein theoretisch unbegrenztes Verlustpotenzial. Bei den Zertifikaten wurde dies verhindert: Erreichen die Papiere eine bestimmten Verlustschwelle, wird eine Notbremse ausgelöst. Fällt der Dax im genannten Beispiel unter 4 635 Punkte, werden die Papiere fast wertlos ausgebucht.

Die meisten Zertifikate gibt es auch in einer "Bären"-Variante. Dabei profitieren die Anleger von fallenden Kursen, werden aber rausgekegelt, wenn das Basisinstrument eine bestimmte Schwelle überschreitet.

Die K.o.-Schwelle kann Anlegern schnell gefährlich werden. Denn oft genug werden die zunächst weit entfernt scheinenden Kursmarken sehr schnell erreicht. So dürfte der Kurssturz der Deutschen Telekom so manchem zu optimistischen Spekulanten böse in Erinnerung bleiben. Außerdem gilt: Bei Aktien oder bei normalen Optionsscheinen besteht immerhin noch die Chance, dass sich der Basiswert nach einem starken Kursrutsch wieder erholt. Bei Turbos hingegen bleibt rausgekegelten Anlegern nur die erneute Investition in ein Papier mit einem neuen Basispreis. "Dieses Ausknock-Risiko wird von vielen Anlegern unterschätzt", sagt Marktkenner Decken, der zurzeit an einer Internet-Vergleichsmöglichkeit der Papiere arbeitet.

Wichtig ist es für Anleger, sich besonders gründlich über die Ausknock-Regeln der einzelnen Emittenten zu informieren. Nimmt etwa die BNP Paribas den Xetra-Schlusskurs als Kriterium, um über den Rausschmiss zu befinden, reicht bei vielen anderen Emittenten schon ein Über- oder Unterschreiten im Intradayhandel aus, um die Geschäfte glattzustellen. In jedem Fall ist es für Turbo-Besitzer wichtig, die Kurse ständig im Blick zu halten. Roland Lang von der Commerzbank empfiehlt darüber hinaus, oberhalb der Knock-Out-Schwelle ein eigenes Stopp-Loss-Limit zu platzieren. "Laufen die Kurse in die falsche Richtung, gibt es dann wenigstens einen Teil des Einsatzes zurück."

Gelten die Papiere allgemein als Investment für starke Nerven, lässt sich das individuelle Risiko jeden Scheins über die Wahl des Basispreises steuern: Je näher der aktuelle Aktienkurs am Basispreis notiert, um so größer ist auch die damit verbundene Gefahr eines Rausschmisses. Auf der anderen Seite steigen damit auch die Gewinnchancen, was offenbar viele Investoren anlockt. "Je höher die Hebelwirkung, umso größer die Begeisterung", hat Florian Schopf von der Stuttgarter Derivatebörse Euwax festgestellt. Dabei weisen oft die Scheine mit einem moderaten Hebel ein viel günstigeres Chance-Risiko-Profil auf.

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