Mit wachsendem Erfolg
China drängt in Weltelite der Gentechnik

Mit einem kurzen Satz pflegen chinesische Wissenschaftler aufreibende ethische Debatten zu beenden. "Natürlich gibt es Risiken", sagt Professor Zhao Nanyuan, Gentechnikexperte der renommierten Pekinger Qinghua-Universität, wenn er auf den Umgang mit der Biotechnik angesprochen wird, "aber wir sind auch in Gefahr, wenn wir mit dem Flugzeug fliegen."

WiWo DÜSSELDORF. Dass China vor zwei Jahren einen Beitrag von einem Prozent zur Entschlüsselung des menschlichen Erbguts beigetragen hat, stieß im Westen noch auf große Anerkennung. Doch dass die Gen- und Biotechnik zu einem der größten Hoffnungsträger der chinesischen Wirtschaft geworden ist und China sich alle Mühe gibt, zum internationalen Gentechnikmekka zu werden, löst im Westen zunehmend Stirnrunzeln aus.

Das chinesische Konzept ist einfach und Erfolg versprechend: Gute Ausbildung, billige Löhne und ethisches Laisser-faire. Dank massiver staatlicher Unterstützung und geschickter privater Investoren hat China inzwischen eine Armee gut ausgebildeter Wissenschaftler, die für einen Bruchteil des Lohnes ihrer westlichen Kollegen arbeiten. Heute ist China bereits die internationale Nummer vier, wenn es um die Labor- und Gerätekapazitäten geht, mit der Erbgut entschlüsselt werden kann. Westliche Pharmakonzerne wie Roche oder GlaxoSmithKline strecken schon ihre Fühler nach China aus.

"Weltklasseniveau"

"China spielt in der Genforschung auf Weltklasseniveau mit", jubelt Professor Yang Huanming, Leiter der Beijing Genomics Institute und Kopf des chinesischen Genomprojekt-Teams. Sein jüngster Coup: Parallel zu Forschergruppen in der Schweiz und Japan entschlüsselte er die genetische Landkarte von Chinas gängigster Reisart. "Ein Meilenstein für die Gentechnik, die Biologie und vielleicht sogar für die Rettung der Welt vor Hunger", lobt der amerikanische Humangenom-Entschlüssler Francis Collins. Und viele Unternehmen blicken neidisch nach China.

Auch in der medizinischen Gentechnik strebt China an die Spitze. Vor einigen Wochen machte die Forscherin Lu Guangxiu Schlagzeilen, die Menschen geklont haben will. Während das Ausland sein moralisch entrüstetes Protestkonzert anstimmte, ist man in China stolz auf den eigenen Erfolg, der sich auch in der Entwicklung von Medikamenten niederschlägt. 18 gentechnisch hergestellte Pharmaprodukte und Impfungen wurden seit 1989 von der chinesischen Regierung zur kommerziellen Herstellung freigegeben, über 30 wurden getestet.

Kein rechtlicher Rahmen

Die Erfolge beruhen nicht zuletzt auf der großen Freiheit der Forscher, denn es fehlt ein rechtlicher Rahmen, etwa für Experimente mit Stammzellen. Zwar hat China das internationale Biosafety-Protokoll unterzeichnet, das auch die Herstellung von menschlichen Duplikaten verbietet. Aber Kenner sind sicher: Hinter verschlossenen Labortüren geht alles, was machbar ist. So verkündete Ende September Professor Chen Xigu von der Kantoner Zhongshan-Universität, er habe das Erbgut eines Menschen in die Eizelle eines Kaninchens verpflanzt. Als sie sich durch Teilung auf 16 Zellen vermehrt hatte, brach er das Experiment ab. Westliche Wissenschaftler wie Ole Doering, Medizinethik- und Gentechnikexperte am Institut für Asienkunde in Hamburg, sprachen bei dieser Kreuzung zwischen Mensch und Tier von einem "absoluten Tabubruch". 

So forsch chinesische Bioforscher heute auftreten, so mühselig waren die Anfänge. Während der Kulturrevolution in den Siebzigerjahren war die Biotechnik als kapitalistisch verschrien. Anfang der Achtzigerjahre stand das Land quasi ohne Gentechnikexperten da. Doch China hat schnell aufgeholt. Heute erweist sich der Rückstand als Wettbewerbsvorteil. Anders als westliche Kollegen mussten Chinas Gentech-Pioniere mit wenig Geld und veralteter Technologie auskommen - und improvisieren.

Methode der Gensequenzierung

Yang Huanming, der Reisgenomentschlüssler, entwickelte zum Beispiel eine extrem schnelle Methode der Gensequenzierung. Statt die Gene mühsam Sequenz für Sequenz zu analysieren, zerbrach er die DNA in kleine Stücke, die dann einzeln sequenziert und hinterher per Computer wieder zusammengepuzzelt wurden. Der Ansatz gleicht dem des amerikanischen Genompioniers Craig Venter, dem Yang durchaus das Wasser reichen kann, wenn es um Tatendurst, Entschlossenheit und Durchsetzungskraft geht. Aus Geldmangel und wegen eines amerikanischen Exportembargos musste Yang mit einfacheren Geräten vorlieb nehmen. Der Effekt: Heute ist seine Arbeitsweise billiger als die der multinationalen Forschersteams. Inzwischen arbeiten in Yangs Institut über 500 Mitarbeiter an modernsten Sequenziermaschinen und vier der schnellsten chinesischen Supercomputer.

Auch Lu Guangxiu, die Klonmutter der Nation, hat sich ihr Institut mit 80 Mitarbeitern selbst aufgebaut und finanziert. Das Geld stammte von ihrer gut gehenden Praxis für künstliche Befruchtung, deren Profite sie seit 1998 in ihre Gentechnikforschung reinvestierte. Inzwischen erhält sie Gelder der nationalen und Provinzregierung. Auch der in Hongkong gelistete chinesische Mischkonzern CITIC steht nach Angaben von Lu kurz vor einer größeren Investition, angeblich drei Millionen Euro.

Die Chinesen treiben die gentechnische Forschung so vehement voran, weil sie Angst haben, dass die großen Firmen ihre Genlandkarten in Zukunft nur zu horrenden Preisen herausrücken werden. "Entwicklungsländer sollten schnell in Gentechnik investieren, bevor Biotech-Firmen die Technologie patentieren", drängt Yang.

Reiche Pflanzen- und Tierwelt

China verfügt mit einer reichen Pflanzen- und Tierwelt sowie 56 verschiedenen Ethnien und 1,3 Milliarden Menschen über den wohl reichsten nationalen genetischen Pool der Welt. Zur Sicherheit hat der Nationale Volkskongress diese genetischen Schätze im vergangenen Jahr mit der so genannten Schanghai-Note zum nationalen Eigentum erklärt: Keine Institution oder Einzelpersonen in China darf genetische Ressourcen ohne Erlaubnis an ausländische Empfänger weitergeben.

Bei der so genannten grünen Gentechnik, der Veränderung von Pflanzen durch gentechnische Methoden, gab es in China bisher keine Beschränkungen und, anders als in Europa praktisch keine Widerstände gegen manipulierte Lebensmittel. Zwar sollen sie in Zukunft gekennzeichnet werden - ein entsprechendes Gesetz ist Ende März in Kraft getreten. Doch die Umsetzung dürfte schwierig werden. Oft ist die Herkunft genmanipulierten Saatguts kaum noch nachzuvollziehen. Transgene, insektenresistente Baumwolle wird schon lange angebaut, und schädlingsresistente Getreidesorten werden derzeit getestet.

Anreize für ausländische Unternehmen

Die guten Voraussetzungen für gentechnische Forschungen lockt ausländische Unternehmen an. Chinesische Branchenkenner gehen davon aus, dass viele bereits im chinesischen Markt aktiv sind, unerkannt allerdings, weil sie sich hinter einheimischen Partnern verstecken. Um ausländische Investoren direkt anzulocken wird in Peking derzeit ein Biotech-Park gebaut. Und in der südchinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen entsteht das größte Biotech-Zentrum Asiens. Auch in Schanghai und seiner Nachbarprovinz Zhejiang wird Gentechnik groß geschrieben.

Yang Huanming, der chinesische Gentech-Held, ist überzeugt davon, dass China zu einer der führenden Biotech-Nationen wird. "Wir haben nicht nur üppige biologische Ressourcen, wir haben auch viele junge, kreative Forscher."

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