Mit Wackelpudding an die Wall Street
Kraft-Börsengang soll Philip Morris stärken

In der kommenden Woche geht der Lebensmittelkonzern Kraft an die Börse - der zweitgrößte Börsengang in der Geschichte der USA. Die Philip-Morris-Tochter hat mit Marken wie Philadelphia und Milka einen starken Namen und erzielt trotz des heftigen Preiskampfs im Einzelhandel Gewinnzuwächse. Seine weltweite Präsenz muss Kraft allerdings noch verstärken.

8.6.2001 NEW YORK. Die Investoren warten gespannt auf den zweitgrößten Börsengang in der Geschichte der USA. Der Tabakkonzern Philip Morris Companies Inc., New York, will seine Lebensmitteltochter Kraft Foods Holding Inc., Chicago, Anfang nächster Woche für bis zu 8,4 Mrd. $ an die Börse bringen. Diese Summe konnte bisher nur das Mobilfunk- Unternehmen AT&T Wireless überbieten, für dessen Aktien die Anleger im April vorigen Jahres 10,6 Mrd. $ hinlegten.

Nach dem Börsengang ist Kraft - gemessen am Marktwert - der zweitgrößte Lebensmittelhersteller hinter dem Schweizer Nestlé-Konzern. Kraft, eine Ikone der Lebensmittelindustrie, wurde 1903 von dem Käselieferanten James Kraft gegründet. Die Amerikaner füllen ihre Speisekammern und Kühlschränke seit Generationen mit den Produkten des Unternehmens, das seinen Sitz in Northfield, einem Vorort von Chicago, im Bundesstaat Illinois hat: Ob sie sich Philadelphia-Frischkäse aufs Brot schmieren, danach einen Jell-O-Wackelpudding essen oder sich ein Erfrischungsgetränk mit Kool-Aid mischen - Kraft ist immer dabei.

Mit dem Zukauf von Nabisco für mehr als 19 Mrd. $ ist Kraft auch bei den Snacks gut vertreten: Ritz-Cracker und Oreo- und Chips-Ahoy-Kekse sind in fast allen US-Supermarktregalen zu finden. Nabisco ist der größte Keks- und Snack-Hersteller der USA. In Europa kennen die Verbraucher Kraft auch wegen Schokolade von Milka oder Toblerone. Auch die Marke Jacobs-Kaffee gehört zum Portefeuille.

"Kraft hat sehr starke Marken in seinem Sortiment", sagt Tom Burnett, Chef der Research-Firma Merger Insight, die für institutionelle Anleger den Markt analysiert, selbst aber keine Titel verkauft oder als Investmentbank arbeitet. Analysten rechnen zwar nicht mit einem Ansturm wie noch vor einem Jahr bei Technologietiteln, aber sie erwarten ein hohes Interesse an der Kraft-Aktie. "Man hat selten so einen Qualitätsnamen, den jeder kennt und versteht", erklärt George Wild, Chef der Fondsgesellschaft Heartland Capital Management aus Indianapolis.

In den vergangenen Jahren hatten Investoren auf eine Abspaltung des Lebensmittelsektors gedrängt - auch deshalb, weil das Tabakgeschäft unter dem schlechten Image durch einige Schadenersatzklagen leidet und Kraft immer wieder mit nach unten zieht. Marktbeobachter fürchten immer noch, dass Philip Morris - sollte es tatsächlich zu hohen Schadenersatzzahlungen kommen - seine Kraft-Aktien verkaufen muss.

In naher Zukunft wird Philip Morris zumindest formal die Mehrheit an dem Lebensmittelgeschäft halten. Nur etwas mehr als 16 % des Unternehmens werden an die Börse gebracht. Kraft will das Geld vom Börsengang unter anderem dazu nutzen, einen Teil der 11 Mrd. $-Schulden bei der Muttergesellschaft zu begleichen, die diese für den Nabisco-Kauf aufgenommen hat.

Die beiden Chefs von Kraft, Betsy Holden, die bisher für Nordamerika zuständig war, und Roger Deromedi, der über das internationale Geschäft bestimmte, werden direkt an den Philip Morris-Chef Geoffrey Bible berichten. Diese Konstruktion löst nicht bei allen Beobachtern Begeisterung aus: Nach Ansicht von Goldman Sachs-Analystin Romitha Mally entscheidet damit letztlich doch die Muttergesellschaft. Mally steht den Wachstumsprognosen des Konzerns kritisch gegenüber, auch wenn sie die Aussichten für Nordamerika positiv einschätzt. Ein Umsatzwachstum von 3 bis 5 % hält sie für zu hoch gegriffen.

Wenn Kraft so weiter macht wie bisher, könnte Mally recht behalten: Unter dem starken Preisdruck in der Lebensmittelbranche sind die Umsätze seit 1994 um mehr als 16 % gesunken. Ohne Nabisco setzte Kraft im vergangenen Jahr 26,5 Mrd. $ um. Den Gewinn hat der Konzern dagegen zur Freude der Aktionäre um 14,1 % gesteigert. International ist Kraft vergleichsweise schwach. Nur 27 % des Umsatzes macht das Unternehmen außerhalb Amerikas. Zum Vergleich: Konkurrent Heinz setzt 44 % außerhalb Amerikas um, McDonalds mehr als die Hälfte und Coca-Cola 80 %. In Europa muss Kraft gegen Konkurrenten wie Nestlé, Unilever und Danone ankämpfen. "Doch Kraft hat einen guten Brückenkopf in Europa", sagt ein Analyst von Argus Research. Auf Grund seiner Größe und seiner Marken besitze Kraft auch eine gute Verhandlungsposition gegenüber dem Handel.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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