Mit Warnstreiks flüchtet die Gewerkschaft vor ungelösten Problemen
Analyse: Teures Manöver der IG Metall

Die IG Metall drückt aufs Tempo. Seit Montag und damit früher als erwartet ruft sie ihre Mitglieder zu Warnstreiks auf. Noch ist nur Ostdeutschland betroffen. Nach Ostern aber, wenn auch im Westen keine Friedenspflicht mehr herrscht, wird die Gewerkschaft bundesweit den Tarifkonflikt in die Betriebe tragen.

Die Arbeitgeber haben versucht, diesen Fahrplan aufzuhalten. Sie haben ein erstes Angebot abgegeben, das unerwartet freundlich ausfiel. Ihr Kalkül aber, dies werde die IG Metall friedlich stimmen, ist gescheitert.

Vordergründig ist das kaum zu begreifen. Die IG Metall weiß genau, dass ihr Widerpart Gesamtmetall die gebotenen zwei Prozent mehr Lohn so bald nicht erhöhen wird, Warnstreiks hin oder her. Denn der Arbeitgeberverband steht genauso unter dem Druck seiner Mitglieder wie die Gewerkschaft - einigen Unternehmen ist schon das jetzige Angebot zu hoch. Gesamtmetallpräsident Martin Kannegiesser muss fürchten, dass die harte Reaktion der IG Metall die Falken im eigenen Lager stärkt. Die Zeichen stünden dann endgültig auf Eskalation.

Dies aber käme sechs Monate vor der Bundestagswahl auch der Gewerkschaft ungelegen. Ihre Unzufriedenheit mit der Schröder-SPD ist allemal kleiner als die Furcht vor einem Kanzler Edmund Stoiber, weshalb sie den Genossen keinesfalls mit einem langen Arbeitskampf die Wiederwahl verhageln will. Dass die IG Metall trotzdem laut mit dem Säbel rasselt, hat wie meistens in solchen Fällen mit Problemen in den eigenen Reihen zu tun. Eineinhalb Jahre vor Klaus Zwickels Abschied als Erster Vorsitzender ist sie orientierungslos und zerstritten. Sie will nicht mehr die alte Kampfmaschine sein. Zugleich aber fehlt ihr der Mut, neue Wege zu gehen.

Exemplarisch zeigt sich dieses Dilemma am Umgang mit dem Tarifabschluss des Jahres 2000. Systematisch hat die Spitze der IG Metall das Ergebnis klein geredet, indem sie die arbeitgeberfinanzierte Frührente mit 60 unter den Tisch fallen ließ. Ergebnis: Die Mitglieder glauben inzwischen, ihre Gewerkschaft sei vor zwei Jahren im Bündnis für Arbeit gnadenlos über den Tisch gezogen worden. Klar, dass sie jetzt einen Nachschlag fordern. Und dass sie sich doppelt verschaukelt fühlten, als Zwickel vor wenigen Monaten plötzlich versuchte, wegen des Konjunktureinbruchs auf einen moderateren Kurs umzuschwenken.

Dem IG-Metall-Chef hat dieses Hin und Her intern sehr geschadet. Kein Gewerkschaftsfunktionär mit Karriereambitionen ist deshalb bereit, dem Verlangen einer aufgestachelten Basis nach Warnstreiks entgegenzutreten. Denn diese Tarifrunde unterscheidet sich auch dadurch von ihren Vorgängern, dass sie Teil eines gewerkschaftsinternen Wahlkampfs ist. Zurzeit laufen die Betriebsratswahlen. Und es schwelt weiter der Machtkampf um die Zwickel-Nachfolge zwischen den beiden wichtigsten Tarifpolitikern der IG Metall, ihrem Vize Jürgen Peters und dem Stuttgarter Bezirksleiter Berthold Huber. Beide wissen, dass ein untragbarer Tarifabschluss die Unternehmen weiter aus dem Flächentarif treiben wird. Aber sie wissen auch, dass ihre Gunst bei den Mitgliedern steigt, je kämpferischer sie sich geben.

Statt im Tarifkonflikt aufs Tempo zu drücken, muss IG-Metall-Chef Zwickel deshalb schnellstens die Orientierungslosigkeit im eigenen Haus beenden. Denn die IG Metall ist noch immer die tarifpolitische Lokomotive in Europa. Und in dieser Rolle hat sie immense zerstörerische Kraft. Es geht um nicht weniger als das Schicksal des zaghaft beginnenden Aufschwungs.

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