Mit XP will der Konzern weit mehr als nur ein Betriebssystem verkaufen
Microsoft beschwört die Morgendämmerung

Madonna beschwört mit ihrem eigens zur XP-Programmeinführung komponierten Song "Rays of Light" die Morgendämmerung. Tatsächlich soll das neue Betriebssystem für Microsoft den Aufbruch einläuten. Denn XP ist der erste Baustein in jener ".Net-Initiative", die Microsofts Zukunft in einer Welt sichern soll, in der das Internet eine immer größere und der klassische PC eine immer kleinere Rolle spielt.

SAN FRANCISCO. Mehr noch: XP leitet Microsofts Wandel vom Softwarehersteller zum Anbieter von Internet-Dienstleistungen ein. Neben dem so genannten MSN Internet-Browser, der den Kunden direkt zu kommerziellen Angeboten von Microsoft oder Microsofts Partnern führt, und dem Windows Media Player sind ein Instant Messenger zum Austauschen von Nachrichten in Echtzeit und das Identifikationssystem Passport Standard in XP enthalten. Mit diesen Angeboten konkurriert Microsoft direkt mit dem Medienkonzern AOL/Time Kritiker, Konkurrenten und einige der Klägerstaaten im Antikartell-Prozess sehen in der Ausweitung des Geschäftsmodells auf neue Märkte die Gefahr einer noch größeren Marktdominanz Microsofts. Vorerst bleibt das neue Betriebssystem durch das Gerichtsverfahren aber unberührt.

Die Gründe für eine Neuausrichtung von Microsoft liegen auf der Hand: Der Markt für PC nähert sich der Sättigung, die Einnahmen aus Lizenzgebühren flauen ab. Für Internet-Dienste ist das Marktpotenzial dagegen enorm: Wenn nur 5 % der heutigen MSN-Nutzer bereit sind, für die neuen Microsoft-Online-Dienste 5 Dollar im Monat zu zahlen, hätte das Unternehmen sofort ein jährliches Umsatzplus von mehr als 200 Mill. Dollar, rechnet der Branchendienst Zdnet vor. Damit ist die Produkteinführung mindestens so bedeutsam wie der Marktstart von Windows 95 vor sechs Jahren, der Microsoft damals innerhalb eines Jahres einen um die Hälfte gestiegenen Umsatz bescherte.

XP soll Kosten von Microsoft senken

Doch XP soll langfristig nicht nur ein Umsatzbringer sein, sondern dem Konzern helfen, Kosten zu sparen. Das soll dadurch gelingen, dass XP für Privatkunden und Unternehmen weit gehend den gleichen Computercode verwendet. Die Zahl der Programmierer, die für die Unterstützung und Weiterentwicklung des Betriebssystems zuständig sind, kann so eingeschränkt werden. "Grob geschätzt, bedeutet das für Microsoft bei der Kundenbetreuung eine Kostenersparnis von 50 % und bei der Entwicklung von 20 bis 30 %", sagt Rob Enderle, Analyst der Marktforschungsgesellschaft Giga Information Group. Allerdings werde sich diese Ersparnis erst in vier bis fünf Jahren voll bemerkbar machen.

Für Microsoft ist XP auch der Schritt weg vom Computer, hin zu anderen elektronischen Geräten. Die Zeit drängt: Bis zum Jahr 2005 werden Spielkonsolen, tragbare Taschencomputer und Mobiltelefone den traditionellen Computer als die Nummer eins in diesem Ensemble überholt haben, sagen die Marktforscher der Gartner Group voraus. Diesen Trend hat Microsoft im Visier: So sollen Komponenten des neuen Betriebssystems künftig auch Set-Top-Boxen und Spielkonsolen steuern. "Der Markt für Unterhaltungselektronik ist reif für solche Produkte", meint Tom Bittman, Analyst bei der Gartner Group. Allerdings sei eine solche Strategie nicht ohne Risiko, warnt er. Schließlich müsse das System flexibel genug sein, dass es den Anforderungen der Privatkunden im Unterhaltungsmarkt sowie denen der Firmenkunden mit anspruchsvollen Geschäftsanwendungen genügt. "In der Vergangenheit ist Microsoft mit dem Anspruch, nicht der Beste, aber gut genug zu sein, ganz gut gefahren", sagt Bittman mit Blick auf Microsofts Konkurrenten im Firmenkundenbereich. Ob das künftig genüge, sei allerdings fraglich.

XP kein Zugpferd für eine Erholung am PC-Markt

Die größte Herausforderung für Microsoft besteht aber darin, dass System überhaupt zu verkaufen. Marktbeobachter sind skeptisch: "Das sind die schwierigsten Umstände, unter denen jemals ein Betriebssystem eingeführt wurde", sagt Enderle von der Giga Group. Das Investmenthaus Robertson Stephens hat die Gewinnerwartungen von Microsoft für das Jahr 2002 bereits von 1,85 Dollar pro Aktie auf 1,80 Dollar reduziert. Auch aus der Hoffnung, dass XP die gesamte Branche wieder beleben kann, wird kurzfristig nichts: Die PC-Käufe sollen in diesem Jahr nach Berechnungen der Marktforschungsgesellschaft IDC 21 % unter Vorjahresniveau liegen. "Das neue Betriebssystem wird kein Zugpferd für eine Erholung sein", meint Enderle. Und in Microsofts Bilanzen werde sich XP auch frühestens 2003 positiv niederschlagen. Noch also ist die Morgendämmerung nicht in Sicht.

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