Mitarbeiter lehnen Streik ab
Die Streikbrecher aus dem Erzgebirge

Während die IG Metall für die 35-Stunden-Woche mobilisiert, wundern sich die Mitarbeiter der Schmiedeberger Gießerei darüber nur. "Hier in Schmiedeberg kommen einem die Ideen der IG Metall von der 35-Stunden-Woche auch etwas galaktisch vor", sagt Mitarbeiter Lothar Grundig.

Manchmal überlegt Lothar Grundig, wie viele Menschen sich das Leben in der Schmiedeberger Gießerei eigentlich vorstellen können. "Wahrscheinlich", sinniert der große Sachse mit dem Schnauzbart, "wissen die meisten mehr über den Flug der europäischen Raumsonde auf den Mars als über uns."

Das Örtchen mit seinen 3 000 Einwohnern liegt in einem verschlafenen Tal des Osterzgebirges und damit auch fast genauso weit weg vom Trubel des Geschehens wie der Mars. "Hier in Schmiedeberg kommen einem die Ideen der IG Metall von der 35-Stunden-Woche auch etwas galaktisch vor", sagt der 58-Jährige und lacht verschmitzt. Die Sonne scheint in die blitzsaubere Kantine des Betriebs, und während keine hundert Kilometer weiter westlich Arbeiter des VW-Werks in Chemnitz für ihre Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten kämpfen, nimmt der Alltag hier seinen normalen Lauf: Es ist 12 Uhr 15, und damit ist schon ein kleiner Teil der 39-Stunden-Woche geschafft, die in diesem Betrieb gearbeitet wird.

Von einem Streik wollen die Mitarbeiter der Gießerei ebenso wenig etwas wissen wie ihr Chef Dieter Haselwander. Ohnehin hat der Betriebsrat ein eher unterkühltes Verhältnis zur IG Metall, obgleich nach Schätzung des stellvertretenden Vorsitzenden Hanfried Quinger immerhin ein Viertel aller Beschäftigten in der Gewerkschaft ist. Die Urabstimmung fand nicht im Betrieb, sondern auf der Straße statt. Es gibt nicht viele Firmen in Sachsen, die sich so offen gegen die Politik der Gewerkschaft stemmen.

Der Sonderweg der Schmiedeberger ist der IG Metall ein Dorn im Auge. "Was, ausgerechnet nach Schmiedeberg wollen Sie?" hatte Hasso Düvel, Bezirksleiter der IG Metall für Berlin, Brandenburg und Sachsen, ausgerufen. Ausgerechnet das Unternehmen, das IG-Metaller auf höchst undemokratische Weise behandele! Düvel und Haselwander kennen sich schon lange, denn früher hat Haselwander als Präsident der Metallarbeitgeber in Sachsen mit ihm nächtelang verhandelt. Auch heute ist die Firma noch im Arbeitgeberverband. "Fahren Sie nach Chemnitz, und reden Sie mit den Leuten dort", hat Düvel gesagt und sich empört abgewendet.

Grundig aus Schmiedeberg sagt, er wolle bis zur Rente IG-Metaller bleiben. Dennoch ist der gelernte Maschinenbauer nicht mal zu dem Pappkarton auf dem Klapptisch gelaufen, den die Gewerkschaft auf der Straße vor seinem Betrieb aufgestellt hatte, um abstimmen zu lassen. "Das Thema betraf mich nicht", sagt der Mann schlicht, der in diesem Jahr schon 45 Jahre lang der IG Metall angehört und der Gewerkschaft ansonsten durchaus die Treue hält. Viele seiner Kollegen seien ausgetreten, auch in dem siebenköpfigen Betriebsrat sitze nur noch ein IG-Metaller. Grundig hält das für falsch. "Man muss da mitmachen, weil sonst diese Chefs von den großen Konzernen verrückt spielen."

Im Moment verhalten sich die Funktionäre seiner Meinung nach aber auch etwas merkwürdig, und darum findet Grundig es richtig, dass die Gießerei sich aus diesem Streik ausgeklinkt hat. Grundig sagt, er kenne hier keinen, der ernsthaft die 35-Stunden-Woche wolle. Jedenfalls reichen drei Stunden in der Kantine an diversen Tischen nicht aus, um einen Verfechter der Arbeitszeitverkürzung zu finden. "Wir sind froh, dass wir überhaupt etwas zu tun haben in dieser Region mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit", sagt eine Frau mit lila-schwarzen Haaren. Sie arbeitet in der Verwaltung genauso wie ihre beiden heftig nickenden Kolleginnen am Tisch. "Diese Firma ist eine kleine Oase."

Es gibt in der Region nicht viele davon. Die beiden früheren Schwesterbetriebe der Gießerei sind inzwischen pleite. Mehrfach musste Firmenchef Haselwander das Unternehmen bis zu seiner Privatisierung im Jahre 1996 vor der Schließung retten, um damit einen Gießereistandort zu bewahren, dessen Tradition bis in das Jahr 1412 zurückreicht. Die überstandenen Krisen haben die Belegschaft und den kleinen, dynamischen Mann aus Thüringen zusammengeschweißt, der selbst seit 1965 im Betrieb ist und ihn seit 1990 leitet.

Viele hier kennen sich seit Jahrzehnten. "Wir haben mehr gemeinsam für das Überleben der Firma gekämpft als gegeneinander", sagt Betriebsrat Quinger. Hier gebe es kein Weihnachtsgeld und kein Urlaubsgeld, dafür aber eine Sonderzahlung, die Betriebsrat und Firmenchef miteinander aushandelten. Die Firma konnte sie im Februar ausschütten und der Belegschaft ein volles 13. Gehalt zahlen.

Würde der Betrieb, der heute mehrheitlich der Deutsche Gießerei- und Industrieholding AG aus Essen gehört, wegen einer 35-Stunden-Woche Pleite gehen? "Nein", sagt Haselwander. Aber Arbeitsplätze würden sie abbauen, weil weitere Teile der Produktion nach Tschechien abwanderten, wo heute schon Unternehmen als Zulieferer kooperieren. "Das könnten wir schon jetzt", sagt Haselwander, "aber um Arbeitsplätze in Schmiedeberg zu erhalten, haben wir das nicht gemacht."

Hier im Osten der Republik weiß man gar nicht so recht, wohin man sich orientieren soll: nach Osten oder nach Westen. Die Kollegen im Westen verdienen sicherlich mehr als Gehälter von 2000 Euro im Schnitt, die der Betrieb hier zahlt. Aber gegen die Kollegen weiter im Osten sind die Schmiedeberger wiederum reiche Leute. Ein Arbeiter aus der Gießerei erzählt, neulich sei er in einem Zulieferbetrieb im tschechischen Kovo gewesen. "Da hat der Firmenchef einen neuen Skoda, sein erster Mann einen alten, und der Rest fährt Bus. Und die sind wiederum gegenüber den Leuten aus Slowenien die Krösusse."

Als Gewerkschafter ist Grundig manchmal hin und her gerissen. Er findet es richtig, dass die IG Metall in großen Betrieben in Sachsen streikt, die so etwas wie die 35-Stunden-Woche verkraften können. Denn nach 13 Jahren Einheit müsse doch mal einer erwähnen, dass es den ostdeutschen Arbeitern erheblich schlechter gehe als ihren westdeutschen Kollegen. Er überlegt. "Oder die erhöhen im Westen wieder die Tarifarbeitszeit - das wäre auch fair", sagt er. Aber dafür könne eine Gewerkschaft nun mal schlecht kämpfen.

Quelle: Handelsblatt

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