Mitarbeiter wechseln zur Konkurrenz
Strafprozess gegen Andersen beginnt

Am Montag beginnt der Strafprozess gegen Arthur Andersen. Immer weniger glauben, dass die Firma noch lange überlebt. Gewissheit soll es mit dem Urteil Ende Mai geben. Inzwischen schreitet der Zerfall der Gesellschaft weiter fort: Immer mehr Mitarbeiter wechseln zur Konkurrenz, Mandanten springen ab.

HB WASHINGTON. Melinda Harmon hat den Spitznamen Mrs. Enron. Losglück, voreingenommene Kollegen und Zufall haben ihr gleich einen Stapel von Fällen rund um das Thema Andersen/Enron zugespielt. Heute beginnt in Houston mit dem Strafprozess gegen Arthur Andersen eine der entscheidendsten Gerichtsverhandlungen. Den Beratern und Wirtschaftsprüfern wird vorgeworfen, Akten des Pleite gegangenen Energiekonzerns Enron zerstört und damit Beweismaterial vernichtet zu haben.

Die weiteren Fälle im Portfolio der texanischen Richterin sind eine Sammelklage sowie zahlreiche Zivilklagen, in denen Enron-Anlegern Schadensersatz von Andersen fordern. Außerdem befasst sich Harmon auch mit der 10 Mrd. $ Klage von Enron gegen Dynegy wegen der gescheiterten Übernahme im Herbst vergangenen Jahres.

Kronzeuge David Duncan

Die Schlüsselfigur im anstehenden Strafprozess wird Kronzeuge David Duncan sein. Er war der für Enron verantwortliche Partner bei Andersen. Im Herbst wurde bekannt, dass die amerikanische Börsenaufsicht SEC gegen Enron ermittelt. Daraufhin hat Duncan nach eigener Aussage gemeinsam mit seinen Kollegen knapp drei Wochen lang Akten vernichtet. Er wurde schuldig gesprochen, kann aber wegen der Kronzeugenregelung mit Milde in Form einer Geldstrafe rechnen.

Andersen ist damit in der ungünstigen Position, einen Mitarbeiter aus den eigenen Reihen gegen sich zu haben. Versuche, Vernehmungsprotokolle einzusehen, schlugen fehl. Trotzdem ist Anwalt Rusty Hardin optimistisch, den Prozess zu gewinnen.

Optimistische Verteidiger

Der Optimismus der Verteidiger erstaunt um so mehr, da bereits vor Monaten das Andersen-Management erklärte: Ein strafrechtlicher Prozess gegen die gesamte Firma und nicht etwa gegen einzelne Mitarbeiter werde das Ende bedeuten - selbst wenn man sich gut schlage. Die Kunden sehen es ähnlich. Verlor Andersen von Jahresbeginn bis zum 13. März, einen Tag vor der strafrechtlichen Anklage, nur 25 Kunden, sind es mittlerweile über 300. Von den großen Unternehmen - Firmen, die mehr als 200 Mill. $ Umsatz machen, und Finanzinstitute, die mehr als 500 Mill. $ verwalten - hat Andersen 194 verloren.

"Wir werden sie irgendwann im Sommer insolvent sehen", vermutet Edward Ketz, Accounting-Professor an der Pennsylvania State University. Auch Ossoff sieht wenig Perspektive: "Andersen kommt gerade an den Punkt, an dem es keinen Ausweg mehr gibt."

Harter Knochen

Mit Michael Chertoff, dem Chef des Kriminalabteilung des Justizministeriums, steht Andersen zudem ein besonders harter Knochen gegenüber: "Er macht ein Angebot und wenn man das nicht akzeptiert, bringt er einen vor Gericht und killt einen dort", sagte der frühere Mitarbeiter John Fahy gegenüber Bloomberg.

Bis Ende des Monats gibt es Gewissheit über das Schicksal von Andersen. Die 55-jährige Richterin Harmon hat schon vor Prozessbeginn erklärt: Am 29. Mai gehe sie in den Urlaub; die Tickets seien bereits gebucht. Bis dahin soll der Fall geklärt sein. Im Zweifel will sie dafür auch Samstags verhandeln.

Auflösungserscheinungen

Eile ist auch wegen der Auflösungserscheinungen angesagt: Gab Andersen noch Mitte April die Kündigung von mehr als 20 % der Mitarbeiter bekannt, schauen sich mittlerweile fast alle nach Jobs bei der Konkurrenz um. Die ausländischen Partner haben sich zum Großteil verabschiedet und von der Konkurrenz aufkaufen lassen.

Auch in den USA gab es Gespräche über eine Übernahme von Steuerberater- und Consultingbereich. Mitte der Woche sickerte durch, dass KPMG großes Interesse am Beratergeschäft von Andersen in den USA und an Teilen in Übersee habe. 250 Mill. $ soll KPMG geboten haben. So günstig gibt es einen Beraterstab, der weltweit im vergangene Jahr 1,43 Mrd. $ umsetze, selten.

Haftung ausländische Partner

Unklar ist nach Auskunft der Rechtsanwaltskanzlei Milberg, Weiss, Bershad, Hynes & Lerach, die die Sammelklage vertreten, in wie weit auch ausländische Partner haften. Am Mittwoch scheiterten auch die Verhandlungen zwischen Andersen und den Vertretern der Sammelklage.

Seine letzten Hoffnungen kann Andersen an Richterin Harmon klammern. Sie gilt als unternehmens freundlich, auch weil sie 12 Jahre für Exxon gearbeitet hat. Gleichzeitig ist sie bekannt für unpopulärer Entscheidungen.

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