Mitglieder fordern Reform der Strategie der Europäischen Zentralbank
Schattenrat kritisiert Inflationsziel

Innerhalb der Europäischen Zentralbank wird derzeit heftig um eine Reform der eigenen Strategie gerungen. Unter geldpolitischen Experten in Europa herrscht ein breiter Konsens darüber, dass das Inflationsziel der Eurobank flexibler gemacht werden sollte.

FRANKFURT. Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) ist zu anspruchsvoll, unklar formuliert und gibt nicht die wahre Zielsetzung der Bank wieder, meint die Mehrheit der Mitglieder des Schattenrats für europäische Geldpolitik (EZB-Schattenrat). Die EZB definiert Preisstabilität als eine Teuerungsrate von weniger als zwei Prozent. Nach der Mehrheitsmeinung im Schattenrat wäre ein Punktziel von zwei Prozent mit einer Toleranzmarge von plus/minus einem Prozentpunkt eine bessere Lösung.

Die EZB überprüft derzeit ihre geldpolitische Strategie, einschließlich ihrer Definition von Preisstabilität. Damit reagiert sie auf die im vergangenen Jahr von verschiedenen Expertengremien und vom Internationalen Währungsfonds vorgetragene Kritik.

Der EZB-Schattenrat ist ein internationales Gremium von 18 prominenten geldpolitischen Experten aus Finanzinstituten, Hochschulen und Forschungsinstituten, dass sich zum Ziel gesetzt hat, die öffentliche Diskussion über geldpolitische Fragen zu fördern.

"Das Inflationsziel sollte so angehoben werden, dass niedrige positive Preissteigerungsraten für alle Länder gewährleistet sind. Das ist wichtig, damit auch in den Ländern mit relativ unterdurchschnittlichen Inflationsraten Anpassungen der relativen Preise und Löhne stattfinden können", begründet Julian Callow von Credit Suisse First Boston den Reformvorschlag. Er verweist auf wissenschaftliche Erkenntnisse, wonach nominale Preis- und Lohnsenkungen aus psychologischen, institutionellen und rechtlichen Gründen oft schwer oder gar nicht möglich seien.

Die meisten Ökonomen rechnen damit, dass Deutschland und andere mitteleuropäische Länder langfristig geringere Preissteigerungsraten haben werden, als die wirtschaftlich aufholenden Ökonomien, vor allem in Südeuropa. Wenn eine Vielzahl mittel- und osteuropäischer Staaten der Währungsunion beitritt, dürfte sich dieser so genannte Balassa-Effekt nach vorherrschender Meinung noch verstärken.

Zudem ist nach herrschender Meinung im Schattenrat bei niedrigen Inflationsraten und Nominalzinsen der Sicherheitsabstand zur Zinsuntergrenze von Null zu gering. "Manchmal sind die Umstände so, dass die Notenbank die Zinsen um zwei Prozentpunkte senken sollte. Das kann sie nicht, wenn Inflationsrate und Nominalzins sehr niedrig sind", brachte dies John Llewellyn, Chefvolkswirt von Lehman Brothers auf den Punkt.

Einige Schattenräte würden sogar ein noch etwas höheres Zielband von 1,5 bis 3,5 oder von 1 bis vier Prozent bevorzugen. Zu diesen gehört Paul De Grauwe, der belgische Kandidat für den im Juni frei werdenden Sitz im sechsköpfigen EZB-Direktorium. "Das übermäßig anspruchsvolle Inflationsziel unterminiert die Glaubwürdigkeit der EZB", sagt De Grauwe. Sie handle nicht danach und habe deshalb ihr Ziel mehr als die Hälfte der Zeit verfehlt. "Es wäre für die Glaubwürdigkeit der Notenbank besser, das erklärte Ziel mit der tatsächlich verfolgten Politik in Einklang zu bringen", stimmt der Europa- Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs, David Walton, dem Belgier zu.

Das Hauptargument, warum ein noch höheres Inflationsziel von 2,5 Prozent im EZB-Schattenrat nicht konsensfähig ist, liegt in der Übergangsproblematik. "Die plötzliche Lockerung eines etablierten Ziels hätte unangenehme Konsequenzen auf den Finanzmärkten zur Folge", wendet Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank dagegen ein. Nach einer verbreiteten Einschätzung würde ein solcher Schritt zu einem deutlichen Zinsanstieg am Kapitalmarkt führen.

Nur drei Mitglieder des Schattenrats verteidigten das Inflationsziel der EZB. Dass sie allesamt deutscher Nationalität sind, zeigt, dass kompromisslose Inflationsbekämpfung in Deutschland traditionell einen höheren Stellenwert hat, als in vielen anderen Ländern.

Joachim Fels von Morgan Stanley in London verteidigt die Zielformulierung der EZB mit dem Hinweis darauf, dass aus Äußerungen von EZB-Vertretern klar geworden sei, dass das Zielband tatsächlich bei ein bis zwei Prozent Inflation liege. Eine Klarstellung dieser Zielformulierung hält allerdings auch er für wünschenswert.

Angel Ubide von Tudor Investment Corp. in Washington kritisiert die Enge dieses EZB-Zielbandes. Ein Band von nur einem Prozentpunkt Breite passe nicht zu der begrenzten Zielgenauigkeit, mit der eine Notenbank die Inflation steuern könne. Entsprechend schlagen alle Reformbefürworter Zielbänder von zwei Prozentpunkten Breite oder vereinzelt noch mehr vor.

Kritisiert wird auch, dass nicht klar sei, ob die EZB mittelfristig die Inflation gerne auf die Mitte ihres Zielbandes bei 1,5 Prozent hinsteuern würde oder mit 1,9 Prozent genau so zufrieden wäre. Ein wesentlicher Erfolg der Bank von England sei, dass die Tarifparteien nicht mehr auf die aktuelle Inflationsrate schauten, sondern unbesehen das Ziel der Bank von England von 2,5 Prozent Inflation zum Maßstab für die Lohnverhandlungen nähmen, bemerkte ein anderes Schattenratsmitglied. "Wenn die EZB nicht klar und deutlich sagt, was ihr Ziel ist, wird sie es schwer haben, ähnliches zu erreichen", gibt das Mitglied zu bedenken.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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