Mittdreißiger entdecken die Spielekonsolen: Jetzt daddeln auch die Eltern

Mittdreißiger entdecken die Spielekonsolen
Jetzt daddeln auch die Eltern

Lange waren Videospielkonsolen nur etwas für Teenager. Spätestens seit der Cebit ist aber klar: Die Mittdreißiger entdecken Playstation & Co. als Möglichkeit, von der Kopfarbeit abzuschalten. Doch welche Konsole ist die richtige für große Kinder?

HB DÜSSELDORF. Dämmerung liegt über der Stadt. Auf dem Parkplatz der Werbeagentur Willing & Able öffnet sich ein Kofferraumdeckel, ein Videobeamer verschwindet darin. Der Wagen rollt langsam vom Hof in den hektischen Feierabendverkehr der Ruhrmetropole Essen.

Am Steuer kein gemeiner Langfinger auf dem Weg zum Hinterhof-Hehler, sondern ein vergnügter Michal Cerwenka, Kreativdirektor der Agentur und leidenschaftlicher Videospieler, auf dem Weg nach Hause. "Wenn ich mal Zeit habe, nehme ich den Beamer mit heim und lade Freunde zum Spielen ein. Solche Abende enden dann meistens in den frühen Morgenstunden", schmunzelt der X-Box-Fan - Daddeln auf dem Großbildschirm, bis der Arzt kommt.

So wie dem 33-jährigen Cerwenka geht es vielen aus seiner Generation. Was vor kurzem noch gerne als Tummelfeld der vorpubertären Clerasil-Generation abgetan wurde, findet immer mehr Zulauf bei Semestern mittleren Alters. Doch welche Konsole ist die richtige? Während Teenager schnell Vorlieben entwickeln, stehen weniger Kundige ratlos vor den Regalen der Elektromärkte.

TV-Satiriker und Medienkritier Oliver Kalkofe wollte sich nicht festlegen: Er besitzt Sonys Playstation 2, kurz PS2 genannt, und Microsofts Flaggschiff X-Box. Morgenmagazin-Moderator Cherno Jobatey ist noch ganz neu dabei: "Auf der Cebit hab ich ?ne Schlange auf dem Freigelände gesehen und mich einfach mal angestellt - wird schon gut sein, hab ich mir gedacht." Als er aus dem X-Box-Stand wieder rauskam, war er vor allem von der Interaktivität angetan. Online mit anderen reden, spielen, Motorradrennen fahren oder die Welt retten - das hat was.

Die enorme Grafikleistung von High-Tech-Konsolen wie PS2, X-Box oder dem Gamecube von Konsolenaltmeister Nintendo spielt beim neuen Boom eine große Rolle. Kinoatmosphäre macht sich breit, mit üppigen Bildern, grellen Farben und Surround- Sound aus vielen Lautsprechern.

"Ich mag diese Matrix-Ästhetik", gibt Jobatey zu. "Das ist wie Kino zum Mitspielen", meint auch Oliver Kalkofe. "In jedem von uns steckt ein kleiner James Bond." Der Aufwand hat seinen Preis: Für die Top-Games liegen die Etats für die Produktion im einstelligen Millionen-Dollar-Bereich. Zahlen, von denen deutsche Kinomacher oft nicht einmal zu träumen wagen.

Franz Stangl, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag (Lieblingsspiele "Gran Tourismo" und "5th Element") kam eher zufällig dazu. "Eigentlich wollte ich im Elektromarkt einen Toaster kaufen. Raus kam ich ohne Toaster - dafür mit einer Playstation 1." Der hält er immer noch die Treue: "Die ersten vier Nächte hab ich durchgespielt. Man kann schon süchtig danach werden." Mittlerweile gilt ein selbst auferlegtes Spieleverbot an Wochentagen.

Auch Betina Nöhles, 35, Geschäftsführerin der Kölner Personalberatung Outside In ist Sony-Fan: Ihre PS2 hat sie auf Rat von Freunden gekauft: "Für mich ist Playstation DER Name bei Spielekonsolen - meine persönliche High-End-Marke sozusagen." Sie spielt gerne zusammen mit Freunden Fantasy- oder Geschicklichkeitsspiele. Außerdem nutzt sie die PS2 als DVD-Videoplayer. Bei der X-Box muss man dafür extra eine Fernbedienung kaufen, der Gamecube hat gar kein DVD-Laufwerk.

Überhaupt sind Gamer der älteren Generation gesellig: Matthias Funken, Teamleiter beim E-Business-Dienstleister Empolis, kauft "nur Spiele mit Multiplayer-Option". Denn "zusammen mit Freunden und ?ner Tüte Chips - da vergehen die Stunden an der X-Box wie im Flug." Er bevorzugt Rennspiele - wie die meisten seiner Generation. "Kampf- und Kriegsspiele finde ich banal", sagt Öffentlichkeitsarbeiter Stangl, auch Nöhles kann Blutspritzern an der Mattscheibe wenig abgewinnen.

Die Bedienung der Konsolen ist mit etwas Übung schnell erlernt, sind sich die Neu-Konsolisten einig. Was auf unverhohlene Kritik stößt, ist die Komplexität vieler Spiele: "Beim japanischen "Moskito", verzweifelt die Personalexpertin Nöhles, "hab ich zwar begriffen, worum es geht - aber überhaupt nicht, wie man die Joysticks einsetzt. Ich bin nicht vom Fleck gekommen."

Satiriker Kalkofe spricht Klartext: "Es ist echt ärgerlich, wenn man in irgendwelchen Leveln fest steckt, weil man irgendeine abstruse Lösung nicht findet. Ich gebe ja gerne zu, dass ich zu blöd bin. Aber dann muss ich mich doch nicht noch stundenlang von der Maschine demütigen lassen, oder?" Fazit: "Es gibt zu wenige Möglichkeiten zu schummeln."

Eine schwierige Gratwanderung für die Spieleproduzenten: Die Kids verlangen nach hohem Schwierigkeitsgrad, der stundenlanges Kniffeln erfordert, Gelegenheitsspieler wollen nur "schnell mal eine Runde zocken". Mehr Spieleauswahl für Erwachsene fordert denn auch X-Boxer Funken. Denn gerade Videospiele seien eine "ideale Möglichkeit abzuschalten für Menschen, die viel mit dem Kopf arbeiten", sagt CSU-Mann Stangl.

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