Mittel- bis langfristig beurteilen Analysten den Titel positiv
Telekom-Aktie steckt im Stimmungstief

Die T-Aktie steht unter Druck. Die Anleger sind derart nervös, dass selbst bekannte Informationen - wie über die geplanten Verkäufe des Großaktionärs Sonera - den Kurs drücken. Erst wenn man wisse, welche Voicestream-Altaktionäre nach den Haltefristen im September und Dezember verkaufen, kehre Ruhe ein, sagen Analysten.

HB DÜSSELDORF. Verständnislos sehen Anleger, Analysten und Händler die T-Aktie auf immer neue Kurstiefs fallen. Selbst die am Markt bereits seit Monaten bekannte Nachricht, dass Großaktionär Sonera nach Ende der Haltefristen alle 72 Mill. Aktien verkaufen will, ließ Anleger gestern erneut auf breiter Front Aktien abstoßen. "Die Stimmung ist so schlecht, dass offenbar auch alte Hüte den Kurs drücken", wunderte sich ein Händler. Der Kurs der T-Aktie, der seit Anfang August um gut 30 % eingebrochen ist, sackte gestern zwischenzeitlich auf 16,63 , den tiefsten Stand seit Februar 1998. Damit notiert die Aktie nahe am Emissionskurs der ersten Tranche von 28,50 DM (14,57 ).

BHF-Bank-Analyst Christian Lenke hält es für "arg übertrieben", was am Markt geschieht: "Fundamental heißt das für die Telekom nichts, denn es ist bekannt, dass Sonera verkauft, weil der Konzern Geld braucht". Frank Wellendorf von WestLB Panmure findet allerdings das Verhalten des finnischen Konzerns überraschend, zumal er mit der Bestätigung der Verkaufsabsicht den Markt weiter verunsichert habe.

Bis abzusehen sei, welche Altaktionäre von Voicestream, die bei der Übernahme durch die Telekom mit T-Aktien abgefunden wurden, nach Ablauf der beiden Haltefristen im September und Dezember wie viele Aktien verkaufen, dürfte sich an der katastrophalen Stimmung kaum etwas ändern. Die Großaktionäre Telephone and Data Systems (TDS) und Goldman Sachs wollen ihre T-Aktien offenbar behalten. Wie gestern aus Unternehmenskreisen verlautete, haben TDS und die Investmentbank der Telekom zugesichert, ihre Anteile an dem Bonner Konzern nicht zu verkaufen. TDS bestätigte, dass man wegen des niedrigen Kurses der T-Aktie derzeit nicht verkaufen wolle. Goldman Sachs wollte sich offiziell nicht äußern.

Die finnische Telekomgesellschaft Sonera hatte bereits vor einigen Monaten angekündigt, sich von allen T-Aktien zu trennen und dabei die vereinbarten Haltefristen einzuhalten. Das Unternehmen hat schon vor der Übernahme von Voicestream durch die Telekom die damals erlaubten 17,5 % ihrer T-Aktien abgestoßen. Grund: Sonera hat Schulden von rund 5,6 Mrd.

Der größte Voicestream-Altaktionär, Hutchison Whampoa, könnte bis Dezember 206 Mill. Telekom-Titel verkaufen. In der Branche gilt Hutchison nicht als langfristiger Investor. Daher sei es wahrscheinlich, dass der Konzern weitere T-Aktien verkaufe. Unabhängig von Haltefristen hat Hutchison laut Deutscher Bank Anfang August das 44- Mill.-Paket über die Deutsche Bank verkauft, das als Auslöser für den jüngsten Kursverfall gilt. Dabei habe eine Zwischengesellschaft, der Hutchison die Aktien vor Beginn der Haltefrist verkauft hatte, 35 Mill. T-Aktien per Termin 7.8.2002 veräußert. Zudem habe die Bank weitere 9 Mill. Aktien als Absicherung für ein Optionsgeschäft verkauft.

Viele Analysten erwarten, dass Anfang September zusätzlich bis zu 100 Mill. T-Aktien auf den Markt kommen. Fondshäuser wie JP Morgan Fleming Asset Management halten sich denn auch von der T-Aktie fern. "Im Vergleich zu Konkurrenten wie British Telecom und Telefónica ist der Titel teuer", erklärt Fondsexperte Christian Elsmark. Außerdem bestehe die Gefahr, dass sich auch noch zahlreiche US-Anleger von der Aktie trennten: Sie gewönnen aus den jüngste Neuigkeiten um Telekom und Deutsche Bank den Eindruck, "am europäischen Markt werde gekungelt".

Während manche Analysten sogar noch "einstellige" Tiefstkurse befürchten, vermutet Wellendorf, dass der Kursrutsch bald endet. Wenn fundamental ein Wert existiere, müssten sich irgendwann Käufer finden, meint er. Kurzfristig schätzt er den Titel zwar als neutral im Vergleich zum deutschen Aktienmarkt ein, auf Sicht von zwölf Monaten dürfte der Kurs auf seinen fairen Wert von 26 steigen. Credit Suisse First Boston nennt auf Jahressicht ein Kursziel von 30 .

Lenke erwartet sogar, dass die T-Aktie binnen 2 bis 2,5 Jahren den Emissionskurs der dritten Tranche von 63,50 für Privatanleger wieder erreicht. Fundamental gehöre die Telekom zu den soliden deutschen Standardaktien, die von einer Kurserholung des Marktes profitieren dürften. "Schließlich gibt es sowohl im Stoxx-Branchenindex Telekom als auch im Euro-Stoxx- 50-Index schlechtere Unternehmen", meint er. Die Telekom könne trotz ihrer hohen Schulden von 68 Mrd. ihre Aktivitäten zumindest aus dem operativen Cash-Flow finanzieren. Und vor allem im Festnetzbereich dürften Umsatz und Gewinn durch das erwartete Ausscheiden vieler Konkurrenten steigen. Ein Eigenkapital von 42 Mrd. im Verhältnis zur Marktkapitalisierung von unter 72 Mrd. sei unverhältnismäßig, meint Lenke.

Andreas Heinold von der Landesbank Baden-Württemberg rät Privatanlegern zu einer "Politik der ruhigen Hand": Für einen Verkauf sei der Kurs mittlerweile zu niedrig, für einen Einstieg die Situation aber zu unsicher. Er vermutet vielmehr, dass die Aktie bis zum Ablauf der Halteperiode Anfang September "unter Druck bleibt". Nach zwischenzeitlicher Kurserholung "wird das Spielchen zum Ablauf der zweiten Lock-up-Frist erneut los gehen", bevor es zu einer längerfristigeren Erholung kommen könne.

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