Mittelfristig positive Aussichten
Investmentbanken stehen vor veränderten Anforderungen

Die internationalen Investmentbanken stehen vor großen und neuartigen Herausforderungen und Chancen. Die anhaltende Flaute an den internationalen Kapitalmärkten hat zu einer Rezession der einst so erfolgsverwöhnten Branche geführt. Doch mittelfristig sind die Aussichten weiter positiv.

Die internationalen Investmentbanken haben eine deutliche Korrektur hinnehmen müssen. Sie folgte den Boomjahren seit 1994 und insbesondere gegen Ende der 90-er Jahre bis in den euphorischen Anfang des Jahres 2000 hinein. Im Jahr 2001 ist das Transaktionsvolumen im M & A- Geschäft (Mergers & Acquisitions) in Deutschland um rund 40 % zurückgegangen. In diesem Jahr ist das M & A-Volumen abermals um etwa 40 % schwächer im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres. Dabei ist allerdings zu beachten, dass sich das Transaktionsvolumen, nicht aber die Zahl der Transaktionen reduziert hat. Die Aktivität an sich ist weiterhin hoch.

Doch Investmentbanking ist nicht gleich M & A. Mittelfristig bleiben die Aussichten für die Branche weiter positiv. Dies gilt vor allem für Deutschland, mittlerweile der wichtigste Markt für Investmentbanking in Europa gemessen am gesamten Honorarvolumen. Werfen wir dazu einen genaueren Blick auf das Investmentbanking. Hier gibt es drei wesentliche treibende Faktoren, die den Markt dauerhaft in Bewegung halten.

Der erste Treiber ist der Performancedruck, den der Kapitalmarkt gegenüber den Unternehmen aufbaut. Sie werden immer stärker angehalten, mit ihrem Kapital effizienter zu haushalten sowie die Passiv- und Aktivseiten ihrer Bilanzen aggressiv und wertsteigernd zu managen. Dieser Druck entlädt sich in der "Restrukturierung der Deutschland AG".

Wandel ist wesentlich stärker

Deren Wandel ist wesentlich stärker, als es den Anschein hat. Das Top-Management der meisten deutschen Unternehmen ist derzeit im wesentlichen auf die Restrukturierung und Konsolidierung der eigenen Aktivitäten konzentriert. Kapital wird freigesetzt durch Veräußerung von Beteiligungen bzw. Verbriefungen und innovative Restrukturierungen von Kredit-, Wertpapier und Immobilienvermögen. Im Management werden die strategischen Optionen bewertet und wegweisende Transaktionen bereits intensiv vorbereitet. Das turbulente Marktumfeld führt derzeit jedoch vielfach zu Verzögerungen bzw. der Aufgabe von geplanten Transaktionen. Dies wird von außen fälschlicherweise als Inaktivität und Rückständigkeit deutscher Vorstände fehlinterpretiert.

Eigenkapitalalternativen müssen gefunden werden



Ein zweiter Treiber, der den Markt für Investmentbanking-Dienstleistungen lebendig hält, ist die Veränderung der Kreditkultur. Hinter dem Schlagwort "Basel II" verbirgt sich nichts anderes als der Zwang zum besseren Risikocontrolling auf Unternehmens- wie auf Bankenseite. Dies macht deutlich, dass sich mancher Kredit nicht mehr rechnet. Eigenkapitalalternativen müssen gefunden, strukturiert und umgesetzt werden.

Der dritte Treiber ist preisbedingt. Die niedrigen Aktienkurse der Unternehmen, bei gleichzeitig niedrigem Zinsniveau machen es derzeit für Unternehmen unattraktiv, sich über die Ausgabe von Eigenkapital zu refinanzieren. So nutzen Unternehmen stattdessen vermehrt Fremdkapital in Form von Unternehmensanleihen und substituieren damit die Kredite der "Hausbank" und lassen sich von Investmentbanken beim Gang zum Kapitalmarkt beratend begleiten. Der Markt für Fremdkapital-Produkte jenseits des Bankenkredits boomt. Das Emissionsvolumen langfristiger Finanzierungen über Unternehmensanleihen in Deutschland wuchs im Jahr 2000 um 60 % und in 2001 um 40 %.

Analog zu den beschrieben Veränderungen der Rahmenbedingungen ändern sich die Anforderungen an die Investmentbanken: Für die komplexe Restrukturierung der Deutschland AG ist nicht das eine oder andere Produkt der Investmentbanken die Lösung, sondern ein kohärenter und ganzheitlicher Ansatz, der den gesamten Bedarf des Kundens in den Mittelpunkt der Analyse stellt. Viele Investmentbanken sind heute noch im wesentlichen produkt- bzw. transaktions-, aber nicht kundenorientiert. So verwundert es nicht, dass die führenden Investmentbanken sich zu in erster Linie kundenorientierten Anbietern von Finanzdienstleistungen zu wandeln begonnen haben.

Die zunehmende Vertrautheit der Unternehmen mit Investmentbanken führt dazu, dass höhere, aber auch realistischere Erwartungen an die Bereitstellung bzw. Beschaffung von Kapital sowie Qualität von Mitarbeitern und Produkten gestellt werden. Dies resultiert auch in einem Trend zur Reduzierung der Zahl der Bankbeziehungen, allerdings mit intensiverer Bindung.

Die einhellige Meinung von Experten war in den vergangenen Jahren, dass es zu einer Konvergenz von Investment- und Universalbanken kommen wird. Unsere Beobachtungen aus den vergangenen drei Jahren weisen allerdings in eine andere Richtung: Wir gehen davon aus, dass es zu einer Divergenz kommen wird.

Verknappung von Kapital am Ende einer Rezession

Derzeit zeichnet sich zwar ab, dass kapitalstarke Universalbanken Marktanteile gewinnen. Dabei handelt es sich nach unserer Auffassung nicht nur um einen zyklischen, sondern um einen nachhaltigen Trend. Kapitalstärke allein ist allerdings nur begrenzt zur Differenzierung geeignet. Am Ende einer Rezession kommt es regelmäßig zu einer Verknappung von Kapital. Große Universalbanken, die in den letzten Jahren erhebliche Investitionen in das Investmentbanking getätigt haben, koppeln neue Kredite bzw. Kreditverlängerungen an Investmentbanking-Aufträge.

Aber auch die so genannten traditionellen Bulge Bracket Investmentbanken haben sich behauptet und konnten auf Grund ihrer besonderen Beratungsexpertise zum Teil Marktanteile gewinnen.

Dies führt mithin zu einer Polarisierung des Investmentbanking. Unternehmen reduzieren tendenziell ihre Bankbeziehungen auf die beratungsstarken Bulge Bracket Investmentbanken und die kapitalstarken Universalbanken.

Der Druck in Richtung Produktbreite, globale Präsenz und der damit verbundene Kapitalbedarf auf der einen Seite und der Trend zu weniger Bankbeziehungen auf der anderen Seite, dürfte für einige Banken zum Problem werden. Besonders betroffen davon werden die zweite und dritte Liga der internationalen Banken sein, die in Zukunft Schwierigkeiten haben dürften, bestehende Kreditbeziehungen hinreichend zum Cross-selling von Investmentbanking-Produkten zu nutzen.

Die beschriebenen Herausforderungen bieten für internationale Banken bei erfolgreicher strategischer Positionierung weiterhin erhebliche Chancen überdurchschnittliche Ertragsmöglichkeiten zu nutzen.



  • Bernd Ondruch, Vice President im Investmentbanking mit Schwerpunkt Financial Institutions, Morgan Stanley



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