Mittelständler ist heute eine Goldgrube
Der bescheidene Spezialist in der Nische

Hauptversammlungen sind für manchen Vorstandsvorsitzenden zum Spießrutenlauf durch enttäuschte Aktionärsreihen geworden. Nicht für Burkhard Schuchmann. Wenn der langjährige Chef der Vossloh AG heute im Congress-Zentrum der Düsseldorfer Messe die Anteilseigner begrüßt, wird er in viele zufriedene Gesichter schauen.

Schuchmann, der kleine, überaus unauffällige Mann, bei dem sechs Lebensjahrzehnte das Blond von Haar und Bart allmählich in Silber übergehen lassen, kennt es nicht anders. Hauptversammlungen sind für ihn Veranstaltungen ohne große Auseinandersetzungen. Denn bei dem mittelständischen Konzern aus dem Sauerland-Örtchen Werdohl zeigt sich die Welt noch in strahlendem Sonnenschein. Wolken, die die positive Entwicklung von Aktienkurs und Dividenden bei dem Spezialisten für Verkehrstechnik verdüstern könnten, sind für Schuchmann nicht in Sicht.

Dieses Jahr ist dennoch manches anders. Das zeigt schon die Konzernpostille "inside". Da posiert der Vorstandschef ganz gegen seine sonstige Zurückhaltung stolz auf einem Ganzseiten-Foto unter der Headline: "Am weltweiten Wachstum partizipieren". Der Auftritt ist Schuchmann-typisch bescheiden: Er steht hinter einer beigen Tischplatte und hält sich an der Rückenlehne eines hölzernen Bürostuhles fest.

Dabei will er "Vossloh neu" verkaufen - den neuen Auftritt des Konzerns mit einem modernisierten Logo. Dahinter steht die erfolgreiche Umwandlung des einstigen Gemischtwarenladens in einen reinen Verkehrstechnik-Produzenten. Und die trägt klar die Handschrift des eher drögen Konzernchefs, dem jede Bugwelle, jede Macher-Aura so fern scheint.

Über Zu- und Verkäufe hat Schuchmann sich zielstrebig auf die Bahnindustrie zu bewegt. Heute ist Vossloh als Spezialist in Nischen neben den großen Systemhäusern Bombardier, Siemens und Alstom erfolgreich. Als Marktführer bei Schienenbefestigungen, als Europas größter Diesellokbauer, als Weichenhersteller und Lieferant von Elektrotechnik für Loks, Straßenbahnen und Trolleybusse.

Bewegung und Beweglichkeit im Marktauftritt sind eng verbunden mit der Person des Vorstandsvorsitzenden. Das von Schuchmann gepflegte Understatement grenzt an falsche Bescheidenheit. Im letzten Jahr steigerte er das Konzernergebnis vor Zinsen und Steuern um knapp 60 Prozent, den Überschuss verdreifachte er. Den Aktionären bietet er heute in Düsseldorf eine von 75 Cent auf 1,20 Euro erhöhte Dividende an. Schon bei der Bilanzpressekonferenz im März ließ er weitere Vorfreude aufkommen: Das Ergebnis 2002 sei "keine Eintagsfliege".

Der zurückhaltende Auftritt einerseits, die unternehmerische Erfolgsstory andererseits: Wer die über Jahrzehnte gewachsene, verwinkelte Fabrikanlage hinter der Ruhr-Sieg-Bahnstrecke in Werdohl sieht, wird Schuchmann schnell für einen Sauerländer im Glück halten - und irrt. Der Vossloh-Chef ist nicht der knorrige Erbfolger eines Familienunternehmens mit über 100-jähriger Tradition.

Er ist das Gegenteil - ein Mann, der eine vor sich hin dümpelnde Mittelstandsklitsche in mehr als eineinhalb Jahrzehnten beharrlich und mit Überzeugungskraft gegenüber den Eigentümern zu dem machte, was sie heute ist. Auf sein Betreiben hin wurde 1990 aus der Familien-GmbH, in der mehr als 90 Gesellschafter mitredeten, eine börsennotierte Aktiengesellschaft. Er hat sie zur Goldgrube gemacht, für die sich verstärkt auch international institutionelle Anleger interessieren.

Das Büro des Vorstandschefs hingegen, auf dem Werksgelände in einem schmucklosen Bau der 20er-Jahre untergebracht, atmet noch Gründerzeit-Mief. Der gebürtige Berliner - der das Sauerland "nur aus Anekdoten vom früheren Bundespräsidenten Lübke" kannte - hat zwar inzwischen neue Möbel kommen lassen. Er lebt aber weiter in ostentativer Schlichtheit. Schließlich erwarte der Kundenkreis "Bodenhaftung". Die verlangt er auch von seinen über 4 000 Mitarbeitern in den international 25 Konzerngesellschaften, für die er, dank stetiger Reisetätigkeit, ein "sichtbarer und anfassbarer Vorstand" sein will.

Von Führungskräften fordert der Vater zweier Töchter, der sich nur für die Firma und seine Familie engagiert, dass sie "selber arbeiten". Stäbe und Spezialisten "kann ich und will ich mir nicht leisten," betont er. Und so ist auch der Holding-Sitz im abgelegenen Werdohl außerhalb jeder Diskussion. Eine schicke Konzernzentrale, etwa in Düsseldorf? Schuchmann winkt ab: "Dann fängt man das Rechnen an, und das Thema erübrigt sich."

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