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Mittelstand bitte aufwachen

Kleinere und mittlere Unternehmen hinken beim E-Business hinterher: Zwar steigt das Bewusstsein für das Internet und seine Folgen, doch die Firmen tun zu wenig.

HANDELSBLATT. Darüber spricht man nicht. Wer einen deutschen Mittelständler mit ausgegorener E-Business-Strategie sprechen will, erlebt immer wieder das gleiche Spiel: Der Pressesprecher verweist an den Marketing-Chef, der an den obersten Techniker und dieser wieder an den Pressesprecher. Der Geschäftsführer, der ist sowieso nicht zu sprechen. "Mittelständler, die im E-Business messbare Erfolge erzielen, reden nur sehr ungerne darüber", sagt Bernd Griessmayer, Vertriebsleiter Mittelstand und Geschäftsführungsmitglied des Netzwerk-Ausrüsters Cisco Systems in Deutschland. Denn: Erfolg im E-Business verschafft Vorteile gegenüber der schlafenden Konkurrenz.

Noch immer ist eine ausgereifte E-Business-Strategie für die meisten deutschen Mittelständler alles andere als selbstverständlich. Zwar haben inzwischen 97 % der Firmen einen eigenen Internet-Auftritt, so das Ergebnis der Studie "E-Business im Mittelstand" der Beratungsgruppe Plaut Deutschland. Doch über eine schlichte Homepage geht das Netz-Engagement nur höchst selten hinaus. Langsam scheinen zumindest die größeren Firmen aufzuwachen: "E-Business ist nicht mehr länger eine Frage des Ob, sondern eine Frage des Wie", sagt Heinz-Peter Schneider, Marketingexperte bei Plaut.

Mehr als 90 % der Befragten gaben zu, dass sie die Möglichkeiten des E-Business noch lange nicht ausgeschöpft haben, fand Plaut heraus. Für Hard- wie Software-Hersteller sowie für Internet-Zugangsdienstleister sind 3,3 Millionen Mittelständler eine höchst interessante Zielgruppe: IBM und Cisco machen mit ihnen bereits heute in Deutschland rund 30 % ihres Umsatzes. Die Deutsche Telekom AG und das Bundeswirtschaftsministerium riefen in der vergangenen Woche eine "neue Phase" ihrer Initiative "Mittelstand geht online" aus: Mittelständler sollten doch bitte "die Chancen für neue strategische Kooperationen, die das Internet ermöglicht, nutzen", appellierte Staatssekretär Siegmar Mosdorf.

Dass Mittelständler in Sachen E-Business handeln müssen, ist allen Beteiligten klar: Statt auf lokal begrenzten Märkten zu agieren, stehen sie zunehmend im weltweitem Wettbewerb - das Internet schafft höhere Markttransparenz, der Druck von Konkurrenten aus fernen Ländern wächst.

E-Business hat jede Menge handfester Vorteile: Die Unternehmen können ihre Produktion besser auf die Nachfrage abstimmen, ihre Lagerbestände verringern und die Auftragsbearbeitung beschleunigen. So binden sie weniger Kapital, sparen Kosten und steigern die Produktivität. Zudem lassen sich neue Märkte erschließen.

Die von Plaut befragten Unternehmen sehen diese Vorteile deutlich: Größte Motivation für ein stärkeres Netz-Engagement sehen sie im Ausbau der Marktposition (81%), in der besseren Kommunikation mit Kunden und Partnern (75%) und in einem besseren Kundenservice (72%). Vorteile erwarten sie vor allem durch eine internet-gestützte Zusammenarbeit mit Partnern sowie durch den web-basierten Einkauf.

Allerdings ist die Investitionsbereitschaft derzeit vergleichsweise gering: Eine knappe Mehrheit der von Plaut befragten Unternehmen will jährlich 50 000 bis 250 000 DM in E-Business investieren - für die Umsetzung einer ausgereiften Internet-Strategie dürften diese Summen kaum ausreichen. "Viele Unternehmen sehen das noch als Kosten an, nicht als Investition", sagt Bruno Rücker, Chef des Software-Herstellers Openshop. Dabei zahlen sich die Investitionen aus: Nach Angaben von Cisco-Mann Griessmayer spielt jede Mark, die ins E-Business gesteckt wird, zwischen 2 und 5 DM ein.

Um diese Früchte zu ernten, reicht es allerdings nicht, einfach in die nötige Hard- und Software zu investieren. "Um E-Business effektiv im Unternehmen einzusetzen, genügt es nicht, einfach nur mit einer Web-Seite im Internet präsent zu sein", sagt Patrick Molck-Ude, Leiter des Geschäftsbereichs Mittelstand bei IBM Deutschland. "Sie müssen ihre internen Abläufe, ihr gesamtes Unternehmen überdenken." Diesen Rat geben auch die Berater von Plaut: Langfristig und ganzheitlich müssten die Netz-Konzepte sein. Und genau dort gibt es noch gewaltige Defizite: "Momentan geht es meist nicht über rudimentäre Einzellösungen hinaus", sagt Werner Stegmüller, Geschäftsführer bei Plaut Deutschland.

Beispiel Voss Wipperfürth: Der Hersteller von Leitungs- und Verbindungstechnik für die Autoindustrie hat zunächst die Produkte ins Netz gestellt. Verkauf oder Einkauf stehen noch nicht auf dem Plan. "Zurzeit denken wir aber über neue Lösungen nach", sagt Marketing-Manager Jürgen Bartels.

Gerade die Automobilzulieferer werden von den Konzernen quasi gezwungen, auf das E-Business zu setzen. "Der Druck, sich an Marktplätzen wie Covisint zu beteiligen, wächst", weiß Heinz-Jürgen Büchner, E-Business-Experte der auf den Mittelstand spezialisierten IKB Deutsche Industriebank AG in Düsseldorf.

So hat beispielsweise Jürgen Bischopink, Verkaufsleiter des Automobilzulieferers Fischer und Kaufmann im sauerländischen Finnentrop schon Post von den Autoherstellern bekommen: "Wir sollen uns darauf einrichten, dass demnächst die Geschäfte elektronisch abgewickelt werden." Zurzeit kommen aber gerade mal 1 % der Anfragen über das Netz.

Bis E-Business in den kleinen und mittleren Unternehmen gang und gäbe ist, dürfte also noch einige Zeit verstreichen. "Noch geht es viel zu schleppend voran", sagt IBM-Experte Molck-Ude. In fünf Jahren würden die elektronischen Geschäfte zum Alltag gehören. "Viel länger", ist Molck-Ude sicher, "dürfen sich die Mittelständler aber auch nicht Zeit lassen".

Von den rund 400 von Plaut befragten Mittelständlern machen zwei Drittel mehr als 250 Mill. DM Jahresumsatz, 90 % haben mehr als 400 Mitarbeiter, und drei Viertel sind auf dem Weltmarkt aktiv.

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