Mittelstand in Gefahr
Metaller-Streik hat unberechenbare Folgen

Ein Streik ist für die Chefs der Unternehmen in der deutschen Metall- und Elektroindustrie immer eine schlechte Nachricht. Doch die wirtschaftliche Lage der Branche, die sowohl Autohersteller als auch Telekom-Unternehmen umfasst, gilt heute als unübersichtlicher denn je: Von Firma zu Firma gelten andere Maßstäbe, und innerhalb eines Wirtschaftszweigs hängt jeder von anderem ab.

dpa DITZINGEN. Die Folgen eines Arbeitskampfes mit einer kräftigen Lohnerhöhung sind daher für Arbeitgeberverband und Gewerkschaft kaum berechenbar. In der Automobilindustrie würden pro Streiktag im ungünstigsten Fall 24 000 Pkw nicht gebaut, der Produktionsschaden liegt nach Schätzungen des Centers Automotive Research (CAR) bei 300 Millionen Euro. Davon entfallen 70 Prozent auf die Zulieferer.

Während zum Beispiel das Großunternehmen DaimlerChrysler den Umsatzverlust wohl verkraften kann, schlägt ein Streik bei den mittelständischen Lieferanten schnell ein großes Loch in die Kasse. Für zukünftiges Wachstum und neue Investitionen fehlt dann das Geld. "Die Zulieferer im Ausland sind die großen Gewinner. Der Streik ist ein Geschenk für die Osteuropa-Konkurrenz", meint CAR-Direktor Ferdinand Dudenhöffer.

Hohe Vernetzung von Herstellern und Zulieferern

Selbst wenn nur bei einem Unternehmen gestreikt wird, wirken sich durch die hohe Vernetzung von Herstellern und Zulieferern die Folgen schnell auch auf andere aus. "Wir haben Vorkehrungen wie zum Beispiel die Erhöhung der Lagerbestände geprüft, um den Schaden zu minimieren", sagt ein Sprecher des Laser-Spezialisten Trumpf in Ditzingen. Doch negative Folgen seien unvermeidlich. Ein erstreikter Lohnabschluss würde den Unternehmen dann noch weitere Kosten verursachen. "Ein Prozentpunkt Tariferhöhung belastet unser Jahresergebnis mit 15 Millionen Euro", sagt der Finanzvorstand vom Autozulieferer ZF Friedrichshafen, Paul Ballmeier.

Die Unternehmen, die jetzt bereits Kapazitäten frei haben und Verluste machen, stört ein Arbeitskampf hingegen wenig. "Das wäre unterm Strich für uns billiger als Kurzarbeit", heißt es in einer Firma. Der Vorschlag von IG Metall-Chef Klaus Zwickel und dem baden- württembergischen Bezirksleiter Berthold Huber, zumindest teilweise unterschiedliche Lohnerhöhungen je nach Ertrag des Unternehmens zu zahlen, scheiterte bereits im Herbst 2001 am Widerstand in den eigenen Reihen. Im Streik kommen die Defizite des Flächentarifvertrags, der Gewinner und Verlierer über einen Kamm schert, nun aber rasch wieder zum Vorschein.

Zu Gegenmaßnahmen gezwungen

Die betroffenen Unternehmen könnten sich schneller als erwartet zu Gegenmaßnahmen gezwungen sehen. "Wenn sich die Situation bei Lieferanten und Abnehmern so auswirkt, dass die Beschäftigten kein Arbeitsmaterial mehr haben, sperren wir aus", sagt Peter Witteczek, stellvertretender Vorstandschef beim Maschinenbauer Walter in Tübingen. Ähnlich klingt es bei Voith in Heidenheim: "Irgendwann werden wir daran vielleicht nicht mehr vorbeikommen", meint Personalchef Jürgen Göttler.

Automobil-Forscher Dudenhöffer befürchtet, dass im Fall eines längeren Streiks und eines Tarifabschlusses über vier Prozent in den nächsten fünf Jahren ein Zehntel der Arbeitsplätze bei Herstellern wie Opel, Ford und VW und mittelständischen Zulieferern ins Ausland abwandern.

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