Mittelstand mit Lohnforderungen überstrapaziert
In der Sandwich-Position

Eine Lohnerhöhung muss für den Arbeitnehmer nicht zwingend von Vorteil sein: Die aktuellen Forderungen der IG-Metall übersteigen vielerorts die Grenze des Möglichen. Gerade im Mittelstand würden die Erhöhungen oft zu einem führen - Arbeitsplatzverlust.

DÜSSELDORF. Kopf und Rücken tief vornübergebeugt hockt André Stolz auf dem Boden vor der Schleifmaschine. Zwischen seinen Fingerkuppen hält er den Rohling einer Nagelschere. Die Klinge presst er immer wieder gegen das rotierende Schmirgelband. Funken stieben von dem Metall. Um Stolz herum kauern fünf andere Scherenschleifer vor ihren Maschinen. Die fertig gewetzten Klingen schrauben dann ihre Kollegen zusammen und verschicken sie in alle Welt.

Stolz ist einer der rund 100 Beschäftigten des Nagelscheren-Herstellers Müller & Schmidt Pfeilringwerke aus Solingen. Für sie und ihre 3,5 Mill. Kollegen in ganz Deutschland fordert die IG-Metall Lohnsteigerungen von 6,5 Prozent. "Für uns wäre ein Abschluss in einer solchen Höhe sehr schmerzhaft", sagt Torsten Korb, Geschäftsführer der Pfeilringwerke. "In unserer Produktion steckt viel Handarbeit." Daher belaufe sich der Lohnkostenanteil auf 50 Prozent. "Jeder Prozentpunkt Steigerung macht sich da deutlich bemerkbar", sagt Korb.

Einst zählten die Maniküre-Sets aus Solingen zur Weltspitze. Billige Konkurrenz aus Asien und Missmanagement stürzten das mittelständische Unternehmen aber in eine existenzbedrohende Krise. Vor drei Jahren kam die Wende. Mitarbeiter und die neue Geschäftsführung zogen an einem Strang und vereinbarten einen Sanierungstarifvertrag. Einige Arbeiter mussten aber ihre Spinde räumen. Inzwischen geht es dem Unternehmen wieder besser und das Pfeilringwerk stellt wieder ein. Würden die Löhne nun um vier oder fünf Prozent steigen, gerieten die Margen unter Druck. Um Geld zu verdienen, müsste Korb die Produktion dann weiter automatisieren - und wieder Beschäftigte entlassen.

Andere mittelständische Unternehmer sehen sich in der gleichen Situation wie Korb. "Die Forderung von 6,5 Prozent ist undenkbar", meint Harald Büchel, Geschäftsführer von Brabender. Das Duisburger Unternehmen ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer im Bereich der Lebensmittel-Messtechnik. "Für uns wäre allenfalls ein Abschluss zwischen zwei und drei Prozent vertretbar", sagt Büchel. In die Tarifverträge könne aber eine Klausel eingebaut werden, die je nach Erfolg des Unternehmens die Ausschüttung eines Zuschlags an die Mitarbeiter vorsieht. "Bei uns hat das im vergangenen Jahr sehr gut geklappt." Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es über 500 firmeninterne Vereinbarungen über solche Erfolgsprämien.

Einen einmaligen Konjunkturbonus will die Arbeitgeberseite in den anstehenden Tarifverhandlungen anbieten. Die Gewerkschaften winken von vorneherein ab. "Es gibt weder eine Einmal-Produktivität, noch eine Einmal-Inflation", begründet der IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters seine Ablehnung. Beide Faktoren seien von Dauer. "Deshalb ist es nicht nachvollziehbar, warum wir uns mit einer Einmalzahlung zufrieden geben sollen."

"Lohnsteigerungen nach dem Gießkannenprinzip machen einfach keinen Sinn", hält Heinz Lison, Präsident des Unternehmerverbands der Metallindustrie Ruhr-Niederrhein, dagegen. "Sicherlich gibt es Unternehmen, die gut dastehen. Aber es gibt auch zahlreiche Firmen in unserer Branche, die rote Zahlen schreiben", erläutert Lison. Bundesweit fahren trotz des Aufschwungs rund 18 Prozent der Betriebe Verluste ein.

Selbst volle Auftragsbücher müssen noch nicht heißen, dass die Unternehmen auch Geld verdienen. "Der Mittelstand ist in einer Sandwich-Position", erläutert Heinz-Ulrich Krell, Geschäftsführer der Ruhrtaler Gesenkschmiede. Das Unternehmen gießt Eisenteile für die Automobilindustrie. Auf der einen Seite geben die großen Stahlwerke die gestiegenen Rohstoffkosten an ihre Kunden weiter. Auf der anderen Seite stehen global operierende Abnehmer, wie beispielsweise die Autoindustrie, die Preiserhöhungen mit ihrer Marktmacht vereiteln. Mittendrin stecken die meist mittelständischen Zulieferbetriebe. "Seit zehn Jahren bekommen wir von unseren Kunden die gestiegenen Lohnkosten nicht mehr ersetzt", sagt Krell. Weitere Lohnsteigerungen ließen die Margen zusammenschrumpfen.

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