Mittelstand will bei IT-Investitionen schnelle Ergebnisse sehen
Mit Trippelschritten zum E-Erfolg

Auch der Mittelstand ist aus Schaden klug geworden: Statt ausufernder und entsprechend teurer E-Business-Projekte verlangen die Unternehmen in Zeiten knapper Kassen maßgeschneiderte Teillösungen für drängende Aufgaben. Für die Anbieter heißt das: Der Kunde kauft nur noch, was schnelle Renditen verspricht.

DÜSSELDORF. Jürgen Rödl war es einfach leid: "Regelmäßig fielen sechsstellige Summen für Kleinigkeiten an, die letztlich keine Zukunft hatten", stöhnt der Leiter IT & Organisation beim Essener Sanitärgroßhändler Schulte GmbH. Jede Software-Anpassung, um das betagte Warenwirtschaftssystem, das seit Jahren treu und brav auf IBM Mainframes, AS/400-, Unix- und OpenVMS-Systemen seinen Dienst versieht, onlinefähig zu machen, geriet zum Großprojekt. Doch war das unumgänglich, drangen Partner und Lieferanten doch auf Zugang zum Unternehmenssystem. Sie wollten den Orderstatus ihrer Aufträge verfolgen, Lagerbestände prüfen oder Rechnungen online stellen. "Unsere Lieferanten sind teilweise deutlich weiter als wir", räumt Rödl ein.

Eine Radikalkur als Problemlösung mit Neuaufbau des Warenwirtschaftssystems kam nicht in Frage. unternehmenskritischen Anwendungen laufen auf Hostrechnern. Jede Störung des Betriebsablaufs musste vermieden werden. Außerdem schreckten den Mittelständler die immensen Investitionskosten ab.

Vor solchen Problemen stehen immer mehr Unternehmen, die ihr Geschäft fit für E-Business machen wollen. Abhilfe versprechen hier Anbieter wie EDS, T-Systems, IBM oder kleinere Anbieter wie WRQ. Sie sind eise seit Jahren auf die Integration alter IT-Umgebungen in moderne Architekturen spezialisiert und haben derzeit Hochkonjunktur. Allerdings, weiß Ron Grevink, Manager bei WRQ, sind die Kunden viel kritischer geworden. Sie verlangen einen schnellen Return on Investment.

Bei Schulte war man sich schnell handelseinig. Der Rechnungseingang - hier war der Druck von außen am Größten - wurde auf Online umgestellt. "Große Lieferanten wie Vaillant haben quasi darauf gewartet", weiß Rödl. Im Schnitt gehen bei Schulte in Essen rund 1 Million Rechnungen pro Jahr in Papierform ein, werden erfasst, verbucht und zur Zahlung angewiesen. Das neue System wurde in drei Monaten von WRQ ("Verastream Host Integrator") mit einem Gesamtaufwand von gut 80 000 Euro auf das alte System aufgepflanzt. Das läuft jetzt als "Black Box" im Hintergrund, alleine das neuen Interface - sozusagen ein Übersetzungsprogramm, auch Middleware genannt - kommuniziert mit der Außenwelt. Seit Ostern wird Monat für Monat ein weiterer Lieferant eingebunden. Am Ende, rechnet Rödl vor, wird Schulte 230 000 Euro pro Jahr einsparen. Von ursprünglich 45 Arbeitsplätzen in der Rechnungsbearbeitung wurden zehn eingespart.

Stefan Richter von der Hamburger Softwarefirma Freiheit.com bestätigt den Trend zum Erhalt der Altsubstanz bei gleichzeitiger Aufrüstung auf moderne Web-Umgebungen. Freiheit.com selbst hat für den Reiseanbieter travelchannel.de mehrere grundverschiedene Hotel- und Flugreservierungssysteme weltweit zusammengeschaltet und unter einer Web-Oberfläche verschwinden lassen.

Richter warnt aber auch vor überhasteten Investitionen: "Diese Tools sind teilweise noch sehr teuer. Und es hat noch keine Konsolidierung in der Branche stattgefunden". Wer heute aufs falsche Pferd setzt, sei vielleicht bald schlimmer dran als vorher, greift er eine Urangst der IT-Kunden auf. Dann etwa, wenn der Softwareanbieter in Konkurs geht. "Wer dann sein Altsystem über ein neues Altsystem angebunden hat, ist doppelt tot", ahnt Richter. "Da kommt man kaum noch raus".

Wobei er den Begriff "Altsystem" für sehr dehnbar hält. Heute wird bereits für teures Geld die erste Welle der Web-Shops und E-Procurement-Systeme entsorgt. Richter verhandelt mit einem Unternehmen im Onlinehandel, das seine nur wenige Jahre alte, langsame und fehleranfällige Web- Umgebung rauswerfen muss. "Alleine die jährlichen Betriebskosten sind doppelt so hoch wie das Projekt-Budget, über das wir heute reden", sagt Richter.

Solche sinnlos verbrannten Millionen gibt es auch bei vielen Mittelständlern. Nicht zuletzt deshalb brach das Geschäft der E-Business-Anbieter kräftig ein. Das räumt auch Guido Schmidt, Geschäftsführer der Düsseldorfer On Time Management Group ein. Er hat rund 800 Gespräche mit Kunden und Interessenten des Kölner E-Beschaffungs-Unternehmens Econia.de ausgewertet, das im Sommer knapp der Insolvenz entgangen war.

Zu oft, so ein Ergebnis der Auswertung, seien e-Procurement-Projekte einfach zu hastig angeschoben und ebenso überstürzt wieder abgebrochen worden. Auch, weil die Folgekosten deutlich höher waren als erwartet.

Hier will Schmidt jetzt ansetzen. Das in gescheiterten oder unproduktiven Lösungen "eingefrorene Geld der vergangenen drei Jahre" soll wieder aufgetaut werden. Statt dauernd "neue, bessere, größere Lösungen" verkaufen zu wollen, sollte die E-Business-Branche die alten jetzt ans Laufen bringen.

Optimieren statt neu kaufen ist auch die Devise von Firmen wie Network Associates oder Precise Ltd. Sie liefern Programme, die permanent die Leistung von IT-Netzen und-Systemen überwachen. Aki Ratner, President von Precise: "Wir sagen nicht nur wo es klemmt, sondern auch, was zu tun ist, um es zu beheben. Auch die ewigen gegenseitigen internen und externen Schuldzuweisung hörten damit auf. Dies wäre ein durchaus angenehmer Nebeneffekt für gestresste IT-Manager und ihre Kontrolleure.

www.wrq.com Glaubt, dass man alten Hunden doch noch neue Tricks beibringen kann. Jedenfalls in der IT.

www.precise.com Schnüffelt durch die IT und zeigt, wo die teuer eingekaufte Leistung versickert.

Quelle: Handelsblatt

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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