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MMS-Handys: Killerapplikation oder Rohrkrepierer?

Die ersten Meldungen lassen auf einen erfolgreichen Start der Vermarktung der MMS-Handies hoffen. Ist dies nun endlich die langersehnte Killerapplikation? Und was passiert, wenn nicht?

Gibt es ein Leben nach MMS? Oder: Killerapplikationen gibt es erst hinterher, meint Stephan Sempert.

Ach wenn man doch eine Kristallkugel hätt? und weissagen könnt? den ganzen Tag, was wär das Leben doch so viel einfacher. Man könnte, nur so zum Beispiel, ganz gelassen die Frage beantworten: Ist der Versand von Schnappschüssen aus dem Handy nun die langersehnte Killerapplikation des mobilen Multimedia? Oder ist sie es nicht?

Was hört man da aus den hinteren Reihen? Einen Marktforscher solle man befragen? Ja, welchen denn? Jene, die wie Ovum, von locker 5 Mrd. EuroUmsatz in ein paar Jahren alleine in UK ausgehen? Oder jenen eher vorsichtigen Markteinschätzern, die schon bei 200 Mill. Euro die Decke sehen? Anscheinend hat auch dort jeder eine andere Kristallkugel. Oder hält man es eher mit dem Wireless World Forum, die da mahnen "Wilde Branchenprognosen tragen nur dazu bei, den potenziellen Erfolg von MMS zu beschädigen"?

Mehr noch zu einer allgemeinen Gelassenheit möchte man raten. Immerhin, die Idee hat Charme, das mindestens kann man aus dem Erfolg in Fernost (sieben verkaufte Millionen Knips-Telefone) ableiten. Ob die Kombination von Digitalkamera und Handy nun auch hierzulande die profitabelste Idee seit der Erfindung des Schokokekses werden wird oder nicht: Man wird es abwarten müssen.

Denn: Es nicht wenigstens auszuprobieren, kann nicht die Alternative sein. Jetzt aber, bei gerade einmal 30 000 verkauften Einheiten (Wie viele davon liegen noch beim Handel im Regal?) schon von einer Killerapplikation zu reden, so wie dies jüngst Vodafone?s Geschäftsführer in Deutschland, Jürgen von Kuczkowski verlauten ließ, erscheint dagegen wie das Daumendrücken des Zockers im Casino: "Jetzt muss es einfach klappen."

Muss es gar nicht. Es gibt noch reichlich Felder mobiler Kommunikation, manche davon eventuell sogar näher an den Gewohnheiten des europäischen Kulturkreises, die des vorsichtigen Ausprobierens harren. Wenn nun allerdings jede noch so trivialen Innovation sogleich über die Zukunft des mobilen Multimedia entscheiden soll - wo wird das enden? Demnächst wird noch die abriebfeste Farbbeschichtung der Tatstatur (lange überfällig!) als ultimative Schicksalsfrage hochgejazzt.

Also: fleißig weiter probieren. Die Einsätze zunächst klein halten (wie bei i-Mode und MMS durchaus gelungen) und über echte Erfolg freuen. Denn welche der vielen Ideen sich letztlich als die Killerapplikation erwiesen haben wird, das wird man, soviel lässt sich sogar ohne wahrsagerische Fähigkeiten vorhersehen, erst hinterher wissen.

Vergessen Sie die Idee der Killerapplikation, es ist besser für Sie und Ihre Nerven, meint Olaf Deininger.


Wir wissen, dass wir nix wissen, und das weiß auch mein verehrter Kolumnen-Kollege. Das ist nobel und ehrenwert. Dass Prognosen deshalb so schwierig sind, weil sie sich auf die Zukunft beziehen, naja, auch das ist nicht neu. Und dass Mafo unsere Probleme nicht lösen kann, auch das wissen wir bereits.

Nur: Sind wir jetzt schlauer? Ein wenig schon. Denn ganz gleich wie sich MMS oder I-Mode entwickeln wird, ganz gleich, ob sich die Strategie der mobilen Multimediaportale oder die des multimedialen "User-Generated-Content" via Bild-Mails durchsetzen wird: Fest steht bereits heute, dass keines von beiden eine killermäßige Anwendung werden wird.

Der Grund dafür liegt aber nicht daran, dass diese Dienste irgendwelche Macken hätten (von den normalen Macken einmal abgesehen, die solche Dienste in dieser technologischen Entwicklungsphase nun einmal haben) oder zu teuer wären (was sie sind, doch auch das spielt keine entscheidende Rolle). Nein, die Ursache liegt darin, dass sich die Märkte nicht mehr nach den alten Regeln der New Economy entwickeln, sondern langsamer, vielleicht organischer, eventuell sogar rückläufig. Und damit stirbt auch die Idee der Killerapplikation, die auf Wachstum, Optimismus, Boom und Euphorie angewiesen ist, damit sie funktionieren kann.

Deshalb wird keiner über Nacht auf den heiligen Gral der mobilen Kommunikation stoßen. Und solche, die immer noch verzweifelt danach suchen, zählen langsam zu den ewig Gestrigen, die begreifen müssen, dass die New Economy hinter uns liegt und die Soziologen (ja, die!) sich bereits an deren Aufarbeitung machen.

Wir werden uns damit abfinden müssen, dass mobile Kommunikation sich mehr und mehr zu einem Pfenniggeschäft entwickelt, mit langen Aufbauphasen, Geduld und Durchhaltevermögen. Die großen Durchbrüche liegen hinter uns. Und viele Technologiewechsel - wie die Erfindung der Eisenbahn, das lehrt uns die US-Geschichte - enden erst einmal mit einer rezessiven Entwicklung und jeder Menge Firmenpleiten - aber das ist ein anderes Thema.

Schreiben Sie den Autoren: olaf.deininger@mediaone-hh.de Stephan@Sempert.net

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