Mobil telefonierende Jugendliche fallen bei Demoskopen durch den Rost
Der „Handy-Faktor“ macht knappe US-Wahlprognosen fraglich

Das Wahlverhalten der "Handy-Generation" ist schwer abzuschätzen, denn die Meinungsforscher dürfen nicht auf dem Mobiltelefon anrufen. In den Prognosen kommen so nur die Festnetz-Benutzer zu Wort - und die sind meist älter.

WASHINGTON. Eine Woche vor der US-Präsidentschaftswahl zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen ab. In den meisten Umfragen liegt derzeit der Amtsinhaber George W. Bush ein bis drei Prozentpunkte vor seinem demokratischen Herausforderer John Kerry. Das Nachrichtenmagazin "Time", das einen Vorsprung von satten fünf Prozentpunkten für Bush meldet, ist hierbei eher die Ausnahme. "Wir haben eine Patt-Situation ähnlich wie im Jahr 2000", sagt der Meinungsforscher John Zogby.

Gerade deshalb sind die Umfragen mit Vorsicht zu genießen. Zu viele Punkte bleiben offen. Eines der spannendsten Themen dürfte das Wahlverhalten der 18- bis 34-Jährigen sein, die immerhin 31 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen. Ihre politischen Präferenzen sind nur sehr schwer zu messen. Der Grund: Die Meinungsforschungsinstitute kommen an die Jugendlichen kaum heran. Sie erreichen mit ihren Telefon-Umfragen nur diejenigen, die auch über einen Festnetz-Anschluss verfügen. Befragungen auf Handys - das bevorzugte Kommunikationsmittel in der Altersklasse bis 34 - sind laut US-Gesetz verboten. Experten schätzen, dass zwischen fünf und zehn Prozent der insgesamt 170 Millionen Handy-Benutzer in Amerika ausschließlich mobil telefonieren - vor allem Jugendliche.

"Die Verlässlichkeit von Umfragen wird damit getrübt", warnt die Demoskopin Karlyn Bowman vom American Enterprise Institute, einer konservativen Denkfabrik in Washington. "Viele Meinungsforscher glauben, dass der Handy-Faktor bei dieser Wahl noch nicht voll durchschlägt - aber mittelfristig sind sie besorgt", betont Michael Brick, Spezialist für Umfrage-Methoden bei der Forschungs-Firma Westat in Rockville.

Die Demoskopen spielen das Thema jedoch herunter. Thomas Riehle vom Washingtoner Ipsos-Institut räumt zwar ein, dass Jugendliche, die nur Handys benutzen, umfragetechnisch durch den Rost fallen: "Aber etliche verfügen auch über Festnetz-Telefone, was für ein repräsentatives Meinungsbild ausreicht." Erschwerend sei allerdings, dass sich diese Altersgruppe weniger an den Befragungen beteilige. Aus diesem Grund würden Informationen, die tatsächlich einlaufen, stärker gewichtet, unterstreicht Riehle. Generell seien Frauen und Ältere bei Umfragen kooperativer als Männer und Jüngere. Deshalb würden die Daten aus der ersten Kategorie in der Gesamtrechnung ab- und die der zweiten Kategorie aufgewertet.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor bei den Umfragen ist die Wahlbeteiligung: Die neuesten Trends bei der Wahl-Registrierung deuten auf einen Rekord hin. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen im Schnitt zwischen 50 und 55 Prozent der Amerikaner wählen. Der Tiefpunkt lag 1988 (George Bush senior gegen Michael Dukakis) bei 48 Prozent. Im Jahr 2000 waren es 59 Prozent. Einmalig in der US-Geschichte sind die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts, als fast 100 Prozent der Amerikaner ihre Kreuz machten.

In der letzten Woche vor der Wahl pumpen Bush und Kerry noch einmal 40 Millionen Dollar in ihre Kampagnen. Der Demokrat zielt dabei vor allem auf unentschlossene Wähler mit christlichem Hintergrund und Bush-Sympathisanten. Am Sonntag betonte Kerry, wie wichtig "Glaube und Werte" für ihn seien. "Wir wollen Wechselwählern vermitteln, was für ein Mensch Kerry ist", sagte Mike McCurry, Sprecher des Oppositions-Kandidaten. Der Präsident hat sich hingegen vorgenommen, seine konservative Basis zu mobilisieren. Der Albtraum von Bushs Chef-Berater Karl Rove soll sich nicht wiederholen: Vor vier Jahren sind rund fünf Millionen christliche Fundamentalisten zu Hause geblieben.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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