Mobiles Internet
Teurer Schnickschnack

Sie haben sich verschätzt - und zwar gewaltig: 350 Millionen Menschen würden 2003 im mobilen Internet surfen, hatte Kurt Hellström, damaliger Chef des Telekommunikations-Netzausrüsters Ericsson, vor drei Jahren prophezeit.

DÜSSELDORF. Der mobile Internet-Umsatz würde 2003 explodieren, sagte Norma Ollila von Nokia voraus. In der Hoffnung auf solch wundersame Geldvermehrung investierten die Mobilfunknetzbetreiber Milliardenbeträge in Lizenzen und Technik für das mobile Internet.

Heute steht fest: von explodierenden Umsätzen durch das mobile Multimedia-Geschäft keine Spur. Die neuen Dienste wie Vodafone live und T-Zones laufen so schleppend an, dass die europäischen Mobilfunkgesellschaften Zahlen zum Umsatz verschämt verschweigen - von den Erlösen durch die populären Textnachrichten SMS einmal abgesehen. Bislang hat nur ein Bruchteil - vielleicht ein Fünftel - der prognostizierten 350 Millionen Menschen überhaupt die technische Möglichkeit, die neuen Dienste auszuprobieren.

Die Netzbetreiber verweisen zwar stolz auf die steigenden Verkaufszahlen von Multimedia-Handys - doch viel sagt die zunehmende Nachfrage nicht aus. Die Kunden kaufen ein internetfähiges Handy, weil sie es schick finden oder weil ein solches Gerät dank saftiger Subventionen preiswert ist. Doch nur wenige nutzen die neuen Möglichkeiten des Geräts regelmäßig und intensiv.

Auch das legendäre I-Mode, das in Japan einen unglaublichen Siegeszug feierte, hat in Europa erhebliche Startschwierigkeiten. Seit mehr als einem Jahr versucht die niederländische KPN, diesen Dienst zu etablieren. Doch auch die neuesten Zahlen dazu, die der Konzern Ende vergangener Woche verkündete, blieben wieder hinter den Erwartungen zurück.

Dabei haben die Unternehmen einiges getan, um die Akzeptanz des mobilen Internets zu erhöhen. Dank neuer Mobiltelefone lassen sich die Datendienste schnell und bequem bedienen. Dass es immer noch hakt, liegt an zwei Dingen: den Kosten und der Qualität der Dienste. Die Preise sind zu hoch und für die Kunden kaum nachvollziehbar, die Dienste bestehen häufig aus Schnickschnack wie Klingeltönen und Spielen - Dingen eben, die man nicht haben muss.

Vor zwei Jahren haben die Unternehmen ein neues Gebührensystem eingeführt und gefeiert: Seitdem richten sich die Kosten für Datendienste in der Regel nach ihrem Volumen. Es wird nach Bits und Bytes abgerechnet. Klingt vernünftig, hat nur einen Nachteil: Die wenigsten Kunden können einschätzen, welche Kosten entstehen, wenn sie fünf Minuten mit ihrem Handy im Netz surfen. Viele lassen daher von vornherein die Finger davon, um böse Überraschungen auf der Rechnung zu vermeiden.

Dass die Dienste noch nicht überzeugen, zeigt das Beispiel Bildnachrichten - im Fachjargon kurz MMS genannt. Die als neuer Umsatztreiber gefeierte Bildnachricht kommt bisher noch nicht einmal in Japan - wo sie deutlich billiger ist als in Europa - richtig an. Die meisten Besitzer eines MMS-Geräts verschicken weniger als einmal die Woche eine Bildnachricht.

Auf Grund all dieser Erfahrungen mehren sich daher die Zweifel, ob die Mobilfunkbranche auf absehbare Zeit das mobile Internet etablieren und das große Geld verdienen kann. Denn wer außerhalb seines Büros oder seines Zuhauses surfen will, der kann das ohnehin viel besser über eine ganz andere Technik als die klassischen Mobilfunknetze. Es geht schneller und vor allem billiger mit drahtlosen Internetzugängen über die so genannte WLAN-Technik, die jetzt immer häufiger in Hotel-Lobbys, an Flughäfen und in Restaurants aufgebaut wird.

Die Mobilfunknetzbetreiber sollten sich daher von dem Gedanken verabschieden, dass sie auf absehbare Zeit ihre Investitionen in die teure UMTS-Technik über Multimedia-Dienste wieder hereinholen. Sie müssen ihre Umsätze zunächst anders steigern und beispielsweise den Festnetzanbietern stärker Konkurrenz machen - mit dem Ziel: Der Handy-Besitzer soll noch häufiger zum Mobiltelefon greifen und das klassische Festnetztelefon links liegen lassen. Dafür müssen die Preise für Handy-Gespräche allerdings noch etwas deutlicher nachgeben.

Eine andere Variante, die Umsätze auf längere Sicht anzutreiben: Die Mobilfunker schnüren im stärkeren Maße Pakete, die für einen Pauschalpreis das Telefonieren und gleichzeitig auch das mobile Surfen erlauben. So ähnlich verkaufen Autohändler schließlich auch Extras wie Klimaanlagen und Navigationssysteme. Der Kunde lernt den Nutzen kennen, gewöhnt sich daran und will später mehr haben - hoffentlich.

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