Mobilisierungsdefizite des Kanzlerkandidaten
Stoiber muss auf der Hut sein

Die Wahlforscher in Deutschland haben ein Lieblingswort. Es heißt Stimmungstest. Damit gehen sie sehr freizügig um und setzen sich so dem Verdacht der Unverbindlichkeit aus. Alles mögliche ist schnell ein Stimmungstest, wenn es sonst keine Daten gibt. Im Jahr der Bundestagswahl ist der Hunger nach möglichst aussagekräftigen Abbildungen des Wählerwillens verständlicherweise besonders groß. Noch dazu, wo in Deutschland 2002 ohnehin nur insgesamt viermal gewählt wird. Kein Wunder, dass in dieser prekären Datenlage mancher Experte die Kommunalwahl in Bayern als Stimmungsbarometer für die große Wahlschlacht am 22. September sieht. Und auch kein Wunder, wenn er da der Oberflächlichkeit geziehen wird. Schließlich sei das eine Persönlichkeitswahl und deshalb wenig aussagekräftig für den Bund und so weiter.

Doch die Kommunalwahl ist wirklich ein Stimmungstest, wenn auch vielleicht nicht im engen Sinn der Politologen und Statistiker. Und auch wenn Kanzlerkandidat Edmund Stoiber dem öffentlich widerspricht. Eigentlich weiß er es nämlich besser. Denn seit Sonntag hat der Herausforderer von Gerhard Schröder zwei ernsthafte Probleme. Erstens hieß die über alle Fernsehbildschirme laufende Botschaft am Wahlabend unmissverständlich: Die SPD legt zu. Dass die CSU in der Fläche gar nicht schlecht abschnitt und möglicherweise an ihren alten Landesdurchschnitt herankommt, wissen wir irgendwann in dieser Woche. Interessieren wird sich dafür niemand mehr richtig. Die Mediengesellschaft hat ihre Gesetze, die auch Stoiber kennt. Massenpsychologisch gesehen ist die Aussage "Die SPD legt zu" bei der ersten Wahl nach Stoibers Nominierung als Kanzlerkandidat ein schlechtes Signal. Dass CSU-Generalsekretär Thomas Goppel sogleich freimütig einräumt, die Wählerschaft nicht genug mobilisiert zu haben, macht die Sache auch nicht gerade besser.

Stoiber hat seit dem Urnengang seiner Landsleute allerdings auch noch ein zweites Problem. Recht klar können die Wahlforscher nämlich identifizieren, wo die Wechselwähler zu finden sind, und zwar keinesfalls in den Tiefen Niederbayerns, der steinigen Oberpfalz oder den verstohlenen Schluchten des Voralpenlandes, sondern in den Ballungszentren München und Nürnberg. Die Ergebnisse dort geben Aufschluss über die politische Stimmung, soweit sie eben bewegt werden kann. Hier aber ist Stoiber trotz persönlichen Bemühens kein Erfolg geglückt.

So gesehen ist die Kommunalwahl sehr wohl ein Stimmungstest. Stoiber muss auf der Hut sein. Schon fallen seine Imagewerte in den Umfragen bei Wahlbevölkerung oder anderen Gruppen wieder zurück. Am 21. April naht die nächste Bewährungsprobe, die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Dort künden die Umfragen derzeit sogar einen möglichen Machtwechsel an. Die SPD ist gewarnt und arbeitet fieberhaft an Abwehrkonzepten, etwa durch den Ost-Parteitag in Magdeburg. Stoiber ist dort mittlerweile zum Erfolg verurteilt.

Doch gleichzeitig ist auch in Sachsen-Anhalt - wie überall in Ostdeutschland - der Anteil der Wechselwähler erheblich höher als im Westen. Sollten die seit Monaten gewachsenen Hoffnungen der Union in Sachsen-Anhalt enttäuscht werden, wird Stoiber einräumen müssen, die große Gruppe der Unentschlossenen nicht für sich mobilisieren zu können. Einen dritten Stimmungstest wird es dann nicht mehr geben: Die folgende Wahl ist schon die Bundestagswahl.

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