Mode aus dem Knast
Berliner Gefängnis verkauft Hemden im Internet

Ein Päckchen aus dem Knast - das klingt nach verkehrter Welt. Seit einiger Zeit können Internetnutzer aber ganz regulär Post aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Berlin-Tegel erhalten. Mit Hemden, Jacken oder Schuhen, hergestellt und verpackt von Inhaftierten.

HB/dpa BERLIN. Die neue Vermarktung hat vor allem einen wirtschaftlichen Zweck: "Wir hoffen, damit neue Arbeitsplätze für die Inhaftierten schaffen zu können", sagt Anstaltsleiter Klaus Lange-Lehngut. Zur Zeit hätten rund 500 der knapp 1 700 Inhaftierten in der größten JVA Europas keine Stelle. Auf 25 bis 30 neue Arbeitsplätze hofft der Anstaltsleiter durch das Internetgeschäft, weil die Produktion ausgeweitet wird und eine neue Versandabteilung entsteht.

Die Idee zum "Knacki-Hemd aus dem Netz" hatte eine Kreativagentur aus Berlin: "Durch einen kleinen Artikel in einer Illustrierten sind wir auf die Produkte aus Tegel gestoßen", sagt der Geschäftsführer der Agentur Herr Ledesi, Stephan Bohle. Sie hätten sich mit dem Internet-Konzept der JVA in Verbindung gesetzt. "Auf den Markennamen "HÄFTLING" sind wir gekommen, weil er einfach vermittelt, dass Produkte in einer Haftanstalt für draußen produziert werden."

Die Arbeit in der Schneiderei hat in Tegel Tradition: Seit der Gründung der Anstalt 1898 werden Produkte für den Eigenbedarf und vermehrt auch für "draußen" hergestellt. Heute gehören neben der Kleidung auch Tiffany-Lampen, Glastische, Holzspielzeug und Torten dazu. In 15 Betrieben arbeiten Inhaftierte als Bäcker, Buchbinder oder Schlosser, jeweils unter mindestens einem Meister von "draußen".

Nicht jedes Produkt habe sich aber für die Marke "HÄFTLING" angeboten, sagt Agentur-Chef Bohle. "Wir haben uns für das entschieden, was in Richtung Trend und Mode geht und die besten Chancen auf Abnehmer hat." Das Design der Kleidung entstand dabei in Eigenregie. "Wer das blaue "Knacki-Hemd" designt hat, wissen wir nicht. Das wird seit Jahrzehnten so in der JVA hergestellt", sagt der Leiter des Bereichs Arbeitswesen der JVA, Ulrich Fehlau. Eine der Taschen habe er selbst entwickelt, eine andere Agentur-Chef Bohle. "Den Sportschuh hat unser Schuhmachermeister designt."

Den Geschmack der Kunden scheinen sie getroffen zu haben: "Seit dem 11. Juli sind rund 2 700 Artikel bestellt worden", sagt Fehlau. Die Bestellungen kommen neben Deutschland auch aus Österreich, der Schweiz, Großbritannien, den Niederlanden und den USA. "Die geographisch weiteste Lieferung geht nach Los Angeles."

Fehlau rechnet mit einem Umsatz von 120 000 bis 125 000 Euro bis zum Jahresende. "Das Geld fließt zu 100 Prozent an die JVA, rund 70 Prozent werden im Bereich Arbeitsbetriebe für Investitionen oder den Einkauf von Rohstoffen ausgegeben." Die übrigen 30 Prozent kommen den Gefangenen zu Gute. Davon könnten Bücher für die Bibliothek gekauft oder Sporteinrichtungen und Gemeinschaftsräume verbessert werden.

Die Inhaftierten, die in der Schneiderei oder Polsterei die Hemden und Schuhe herstellen, verdienen zwischen 7,71 und 12,85 Euro pro Tag. "Das regelt eine bundesweite Verordnung und richtet sich nach dem Arbeitsplatz, den Anforderungen und Vorbildungen", sagt Fehlau. Außerdem gibt es Zulagen von 5 bis 25 Prozent, etwa für besondere Zuverlässigkeit. Eine Prämie für den Erfolg des neuen Internetgeschäfts gibt es nach Worten Fehlaus aber nicht.

Nun soll eine Werbekampagne weitere Kunden anlocken. Auf den Plakaten preist ein junger Mann im Stil eines Fotos aus der Knastkartei Hemd und Jacke an. "Wir wollten wegen der Glaubwürdigkeit unbedingt einen Inhaftierten für das Foto", sagt Agentur-Chef Bohle. Von Seiten der Justiz habe es aber einige Bedenken gegeben und man habe sich schließlich auf einen Kompromiss geeinigt: Das Model der anlaufenden Kampagne ist kein Inhaftierter aus der JVA Tegel, aber ein Verurteilter auf Bewährung.

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