Modell der Eidgenossen ist in Deutschland durch Tabus blockiert
Schweizer weisen Weg zu mehr Jobs

Mit Tarifen auf Betriebsebene, geringen Lohnnebenkosten, flexiblem Arbeitsrecht und längeren Arbeitszeiten schaffen die Schweizer Vollbeschäftigung. Dieses Erfolgsmodell ist in Deutschland durch Tabus blockiert. Daran wollen SPD und Gewerkschaften nicht rütteln, zumindest nicht vor der Wahl.

BERLIN. "Nicht das Mainzer, sondern das Schweizer Modell wäre das, was wir brauchen." Auf diesen Satz fasste Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände, zutreffend das Ergebnis einer Expertenrunde zusammen, bei der die Deutschen von ihren südlichen Nachbarn lernen sollten. Zwar wiesen die Eidgenossen eindrucksvoll den Weg in die Vollbeschäftigung. Sie stießen aber bei den SPD-Politikern und Gewerkschaftern Gerd Andres, Parlamentarischer Staatssekretär im Arbeitsministerium, und Franz Thönnes auf taube Ohren.

Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA) und selbst Schweizer, beschrieb das Rezept, mit dem der "Sanierungsfall Deutschland" gesunden könne: Tarifautonomie bedeute nach schweizer Verständnis, dass die einzelnen Unternehmen frei seien, die Löhne mit ihrer Belegschaft auszuhandeln. Der gesetzliche Kündigungsschutz betrage je nach Betriebszugehörigkeit ein bis drei Monate, Abfindungen gebe es nur für langjährig Beschäftigte und auf der Grundlage einer klaren gesetzlichen Regelung. Die soziale Sicherung sei weitgehend vom Arbeitsverhältnis losgelöst. Die Schweizer müssten sich daher vor allem privat gegen Alter, Krankheit, Invalidität oder Unfall versichern. Bei Menschen, die unverschuldet in Not gerieten, greife die steuerfinanzierte kommunale Fürsorgepflicht. So ergäben sich niedrige Lohnnebenkosten, günstige Nettolöhne und somit hohe Anreize für die Aufnahme einer Arbeit im Vergleich zum Bezug sozialer Unterstützung.

Beat Kappeler, früherer schweizerischer Gewerkschaftssekretär, betonte, Arbeit sei kein begrenzter Kuchen, der "gerecht" verteilt werden müsse, wie es deutsche Gewerkschafter glauben. In der Schweiz seien sowohl die Erwerbsquote als auch die Jahresarbeitszeiten weitaus länger als in Deutschland. "Je mehr arbeiten, desto mehr Kaufkraft und Arbeit gibt es", so die Schweizer Erfolgsspirale nach Worten Kappelers.

Peter Spuhler, Schweizer Unternehmer mit einer Produktionsstätte in Berlin-Pankow, belegte die Unterschiede mit Zahlen aus seinem Unternehmen. In seinen Schweizer Betrieben beliefen sich die monatlichen Lohnkosten für einen gewerblichen Arbeiter auf 5 360 Franken, in Pankow auf 5 001 DM. Da die Schweizer aber 500 Stunden pro Jahr mehr arbeiteten, seien die Lohnkosten pro Stunde dort 14 % niedriger. Mit den Worten, er habe "nicht den Mut, hundert zusätzlich benötigte Arbeitskräfte in Berlin zusätzlich fest anzustellen", verwies Spuhler auf eine andere Achillesferse des deutschen Arbeitsmarktes, den Kündigungsschutz und das daraus resultierende Abfindungsrisiko.

Bei dieser Analyse war es keine Überraschung mehr, dass die Gäste bei der von der Schweizer Botschaft, der Commerzbank und der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck ausgerichteten Lehrstunde den deutschen Gastgebern den Rat gaben, die Lohnpolitik zu dezentralisieren, das Arbeitsrecht flexibler zu gestalten und die soziale Sicherung vom Arbeitsverhältnis zu entkoppeln. So könne man "für das fleißigste Volk das Recht auf Arbeit wieder herstellen", sagte Kappeler.

Der Rat war leider in den Wind gesprochen. Zwar freute sich Göhner auf Unterstützung von Arbeitgeber-Forderungen, Andres und der stellvertretende SPD-Fraktionschef Thönnes ergingen sich in Erläuterungen des deutschen Reparaturbetriebs. Stichworte: staatliche Qualifizierungs- und Vermittlungsbemühungen, neue Subventionen für Geringverdiener nach dem Mainzer Modell. Dazu noch der Versuch, vor dem kompetenten in- und ausländischem Publikum Wahlkampftöne anzustimmen. Motto: Bei der früheren CDU-Regierung war alles noch viel schlimmer.

Solange durchgreifende Arbeits- und Sozialreformen für Regierung und Gewerkschaften tabu sind, werden die Deutschen neidisch in die Schweiz blicken: Dort liegt die Arbeitslosenquote unter 2 %, in Deutschland bei knapp 10 %.

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