Modell ist höchstens ein mittelfristiges Instrument für Krisensteuerung und zum Abbau von Personalkosten
Altersteilzeit bringt Unternehmen nur mageren Sparerfolg

Manche Unternehmen sehen in der Altersteilzeit eine Alternative zum Rauswurf von Personal. Kurzfristige Spareffekte lassen sich damit aber kaum erzielen.

Ein Riesentanker, der auf See bremsen muss, hat einen weiten Weg vor sich: bei 15 Knoten Fahrt mindestens acht Kilometer. Als Notbremse wirft der Kapitän dann den Heckanker. Unternehmen in der Krise machen das genauso. Nur werfen sie nicht den Anker, sondern ihre Leute raus. Oder sie besetzen die Planstellen nicht mehr. Und wenn das nicht geht, denken viele noch an die Altersteilzeit. Doch mit diesem Mittel wird der Bremsweg nicht kürzer - zumindest nicht sofort.

Vielen Unternehmen wird das jedoch erst klar, wenn sie die Maßnahme angehen: Bei Altersteilzeit bieten die Konzerne Arbeitnehmern, die mindestens 55 Jahre alt sein müssen, an, nur noch die Hälfte ihrer verbleibenden Berufszeit zu arbeiten. Die meisten Tarifverträge sehen hierfür das so genannte Blockmodell vor: Der Arbeitnehmer arbeitet nicht etwa mit verminderter Wochenstundenzahl weiter, sondern Vollzeit. Dafür scheidet er einige Jahre früher aus dem Unternehmen aus: Statt die ganze Zeit halb, arbeitet der Altersteilzeitler die halbe Zeit ganz. Ein Arbeitnehmer, der beispielsweise mit 65 Jahren in Rente gehen darf und dem mit 55 Jahren Altersteilzeit angeboten wird, könnte also frühestens mit 60 aufhören zu arbeiten.

Mit Altersteilzeit können die Unternehmen also weder einen kurzfristigen noch einen besonders großen Spareffekt erzielen. Bis zur endgültigen Pensionierung zahlen sie nämlich dem Arbeitnehmer weiterhin Gehalt - wenn auch ein reduziertes. Und zwar 70 Prozent des Nettolohns.

Zahl der Teilzeit-Arbeiter steigt stetig

In manchen Fällen beteiligt sich die Bundesanstalt für Arbeit (BfA) in Nürnberg mit 20 Prozent an diesen Kosten. Dies aber nur zu der Bedingung, dass auf die frei werdende Stelle des Altersteilzeitlers ein Arbeitsloser oder Auszubildender eingestellt wird. Personal lässt sich damit also nicht reduzieren.

Trotzdem steigt die Zahl der von der BfA geförderten Altersteilzeitjobs seit 1998 pro Quartal um etwa 4 000. Bis Ende dieses Jahres werden es insgesamt 50 000 sein. Die Zahl der Arbeitskräfte, die ohne Zuschüsse in Altersteilzeit arbeiten, wird von den Nürnberger Experten mindestens zwei Mal so groß eingeschätzt, da viele Unternehmen auf die frei gewordenen Stellen keinen neuen Arbeitnehmer einstellen.

Was ist also das Motiv der Unternehmen, wenn wirklich nennenswerte Kostensenkungen nicht erreicht werden können? "Mit Altersteilzeit haben wir mittelfristig die Möglichkeit, unser Unternehmen zu verjüngen", erklärt Wolfgang Dinnenberg, Geschäftsführer Personal der Boehringer Ingelheim Pharma KG.

Doch scheint das bei den meisten Unternehmen nur eine sehr vordergründige Argumentation zu sein. Denn da bei den Konzernen viele Stellen, die frei werden, offen bleiben, kann auch von Verjüngung nicht die Rede sein - von der Hoffnung der Bundesregierung und der Gewerkschaften, Arbeitslosen einen Job zu verschaffen, ganz zu schweigen.

Kein Arbeitnehmer kann zu Altersteilzeit gezwungen werden

Statt junge Leute rein, heißt es eher Alte raus. Während in den USA 102-jährige Ärzte oder 92-jährige Straußenbauingenieure dafür stehen, dass "die Arbeitgeber den Wert der Alten entdecken" (USA-Today), geht die Frühverrentung im Land der ältesten Studenten und jüngsten Rentner lustig weiter.

"Altersteilzeit ist ein willkommenes Mittel, um nicht mehr so geschätzte, ältere Arbeitnehmer nicht mehr beschäftigen zu müssen", meint Elmar Richter, Seniorberater bei Kienbaum Consultants International GmbH. Doch ein Druckmittel ist Altersteilzeit nicht. "Kein Arbeitnehmer kann zur Altersteilzeit gezwungen werden. Dieses System beruht immer auf gegenseitigem Einverständnis", sagt Richter. Was die Unternehmen mit Hilfe von Altersteilzeit auf jeden Fall sparen, sind unattraktive Aufhebungsverträge und Abfindungen.

Beim Volkswagen Konzern in Wolfsburg sind seit 1998 bereits über 450 Mitarbeiter durch Altersteilzeit aus dem Unternehmen ausgeschieden. Den Wolfsburgern zufolge wurden nur wenige dieser Stellen mit jüngeren Mitarbeitern neu besetzt. Das Ziel damals eindeutig: Stellenabbau. Heute sind bei VW 2 000 Mitarbeiter in Altersteilzeit. Wie viele Stellen von der BfA gefördert werden, ist nicht zu erfahren - wie groß die Zahl der Stellen ist, die neu besetzt werden, schon gar nicht. Bei Daimler-Chrysler haben 7 000 Personen einen Altersteilzeitvertrag abgeschlossen. Wie viele von ihnen von der BfA gefördert sind, gibt das Unternehmen nicht bekannt. Auch ist nicht klar, ob die Stuttgarter Autobauer die frei werdenden Stellen überhaupt neu besetzen wollen. Einem Sprecher des Unternehmens zufolge ist es das Ziel, "mit Vereinbarung von Altersteilzeitverträgen die Übernahme der Auszubildenden zu sichern".

Altersteilzeit für Arbeitnehmer kein schlechter Handel

"Altersteilzeit kann höchstens ein mittelfristiges Instrument für Krisensteuerung und zum Abbau von Personalkosten sein", sagt Michael Weidinger, Partner der Berliner Arbeitszeitberatung Dr. Hoff Weidinger Herrmann. Interessant sei die Altersteilzeit allerdings für den Arbeitnehmer. Denn "nur noch die Hälfte zu arbeiten und über zwei Drittel seines Gehalts dafür zu bekommen" - das sei kein schlechter Handel.

Interessenten sollten sich aber gut auf eventuelle Gespräche vorbereiten: "Weil die Zusammenstellung des Altersteilzeitgehalts sehr kompliziert ist, sollte sich jeder vorher ausreichend informieren. Und das am besten in der Personalabteilung oder individuell", meint Weidinger.

Das Blockmodell sei zwar üblich, nicht aber verpflichtend. Ebenso seien Halbtagsarbeit oder ein Wechsel von Freizeit und Arbeit im Wochen- oder gar Monatsrhythmus möglich. Dann bleibt auch mal zwischendurch viel Zeit für Hobbys - zum Beispiel für Fahrten auf großen Schiffen mit langem Bremsweg.

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