Moderater Optimismus des Notenbank-Chefs
Greenspan stützt die Wall Street

Greenspan kam, sprach - und dann wusste man doch nicht, was genau Sache ist. Der US-Notenbankchef sieht eine moderate Erholung, ist sich über deren Beständigkeit aber nicht sicher. An der Wall Street bewertet man zur Zeit den optimistischen Teil der Rede stärker, die Indizes haben angezogen. Zur Mittagsstunde notiert der Dow Jones mit 125 Punkten im Plus, die Nasdaq verbessert sich um 25 Zähler.

Man könne eine moderate Wirtschaftserholung in den USA ausmachen, meinte Greenspan. Ob diese Erholung jedoch von Dauer sein wird, hänge letztendlich von den Nachfragetrends ab. Derzeit profitiere die Konjunktur von den niedrigen Lagerbeständen. Lässt dieser positive Effekt nach und die Netto-Nachfrage zieht nicht rechtzeitig an, sei das Wirtschaftswachstum gefährdet, das die Notenbank im Konsens auf 2,5 bis 3 Prozent in 2002 schätzt. Greenspan deutet damit an, dass das Risiko einer W-förmigen Konjunkturentwicklung durchaus bestehe. Greenspans Skepsis hat indes auch eine gute Seite: Mangels Stabilität in der Konjunktur ist mit Zinserhöhungen auf absehbare Zeit nicht zu rechnen.

Eher im Hintergrund stehen die übrigen Daten aus dem konjunkturellen Umfeld, doch stützen die den Marktoptimismus. Die Bestellungen für langfristige Güter, einer der wichtigsten Indikatoren über das Wohl des produzierenden Gewerbes, sind im Januar um 2,6 Prozent gestiegen und damit deutlich stärker als die Wall Street erwartet hatte. Selbst den starken Rüstungsbereich herausgerechnet, verzeichnet die Industrie ein Order-Plus von 2,3 Prozent. Das produzierende Gewerbe ist eine der Schlüsselbranchen, die über das mögliche Ende der Rezession und das Maß eines anstehenden Aufschwungs Auskunft geben.

Die Hausverkäufe im Januar sind indes um 15 Prozent gesunken, nachdem die Branche zwei Monate lang stark zulegen konnte. Erst am Dienstag hatte mit Toll Brothers einer der Branchenriesen unerwartet starke Verkäufe gemeldet und den Sektor gestützt. Toll Brothers notiert am Mittwoch schwach behauptet, Konkurrenten wie Lennar, Centex und Pulte Homes verlieren um 2 Prozent.

Vom moderaten Optimismus auf eine Erholung gestützt, zählen einige zyklische Werte zu den Dow-Gewinnern, darunter Honeywell, Boeing, Alcoa und United Technologies . Aber auch die Finanzwerte Citigroup und American Express und die Abteilung Tech mit den Aktien von IBM, Intel und Microsoft stützen den Standardindex.

Weiter im Minus handelt hingegen der Netzwerkriese Cisco , der 4,1 Prozent abgibt. Finanzchef Larry Carter, einer der wenigen konjunkturell bullishen Unternehmensgrößen, warnt, dass selbst wenn der Aufschwung käme, Firmenkunden noch sehr zurückhaltend blieben, was die Höhe ihrer Investitionen angehe. Cisco müsse weiter Kosten senken und wohl einen Teil seiner fast 40.000 Mitarbeiter entlassen. Analysten sehen derweil an anderer Stelle Handlungsbedarf: Cisco könne seine Position als Marktführer nur verteidigen, wenn man stärker als bisher auf neue Techniken wie sprachkompatible Internet-Verbindungen eingehe.

Größter Gewinner im frühen Handel ist ein Wert aus der zuletzt schwachen Biotech-Branche: ImClone Systems. Die Prüfbehörde FDA hat erklärt, das Unternehmen könne die Marktzulassung für das Krebsmittel Erbitux nun doch neu beantragen und mit bekannten Testdaten unterfüttern. Ursprünglich hatte die FDA neue klinische Tests verlangt, die nicht nur Millionen verschlungen, sondern die Markteinführung des Medikaments um mindestens zwei Jahre verzögert hätten. Nun könnte Erbitux bis Frühjahr 2003 auf den Markt kommen, was allerdings immer noch ein Jahr nach dem ursprünglich angestrebten Termin wäre. ImClone verbessert sich um 43 Prozent. Aktien vom Pharmariesen Bristol-Myers Squibb, der an Entwicklung und Vermarktung von Erbitux beteiligt ist, klettern um 4 Prozent.

Schwach handeln die Aktien von OSI Pharmaceuticals, Abgenix und AstraZeneca . Diese waren von Analysten aufgewertet worden, da sie als ImClone-Konkurrenten von jeder Erbitux-Verzögerung profitiert hätten, und hatten zuletzt kräftig zugelegt. Abgenix steht am Morgen ohnehin unter Verkaufsdruck, nachdem das Unternehmen angekündigt hatte, Anleihen im Wert von 200 Millionen Dollar ausgeben zu müssen, um anstehende Forschungsprojekte finanzieren zu können. Abgenix verliert 11 Prozent.

Mit zu den großen Gewinnern gehört der Softwarehersteller Ariba. Das Unternehmen geht nach einem Blick in die Orderbücher davon aus, den Umsatz in diesem Jahr um 30 Prozent steigern zu können. Von JP Morgan kommt derweil ein Upgrade auf "kaufen", da die Aktie im letzten Monat fast die Hälfte ihres Wertes verloren und das Kurspotential deutlich höher zu bewerten sei als das Risiko. Die Aktie legt 15 Prozent zu.

Konkurrent Veritas notiert unterdessen mit leichten Verlusten. Bei Salomon Smith Barney kümmert sich ein neuer Analyst um das Papier, der das Rating seines Vorgängers von "Kaufen" auf "Market Outperform" und das Kursziel von 56 Dollar auf 42 Dollar senkt. Zwar stimmten die Fundamentaldaten von Veritas milde, doch müsse das Unternehmen mit stärkerer Konkurrenz als bisher rechnen, nachdem man einige neue Produkte in bereits dicht belegte Sektoren gelauncht hat.

Abwärts geht es für die Aktie von The Gap . Die Zahlen des einstigen Mode-Marktführers sind viel schlechter ausgefallen als Anleger und Analysten erwartet hatten. Das Unternehmen blickt nun schon zwei Jahre in Folge auf schrumpfende Ergebnisse, flaue Nachfrage und deutlich mehr Sonderangebote führten im abgelaufenen Quartal zu einem Verlust von 4 Cent pro Aktie, für das nun angebrochene Quartal spricht man eine Ertragswarnung aus. Die Aktie gibt 5 Prozent ab. Mit 1 Prozent im Plus handelt Federated Department Stores , die Holding hinter den Kaufhäusern Macy?s und Bloomingdale?s. Das Unternehmen hatte am Vortag im Rahmen der Analystenerwartungen gemeldet und bekommt am Morgen ein Upgrade der ABN Amro auf "kaufen".

Auch aus dem Rüstungsbereich gibt es am Morgen Neues. Der Rüstungskonzern Northrop Grumman will TRW ehelichen - doch die Braut ziert sich. Northrop hatte um eine Reaktion TRW bis zum heutigen Mittwoch gebeten, doch in einem Brief erklärt das Unternehmen, dass es so schnell nicht zu einer Entscheidung bereit sei. TRW wartet nach Ansicht einiger Beobachter auf ein höheres Angebot von entweder Northrop Grumman oder einem der zahlreichen Konkurrenten. Rüstungsriesen wie Raytheon und Lockheed Martin oder die Dow-Größen United Technologies, Honeywell und Boeing sollen an TRW interessiert sein. Papiere von Northrop Grumman handeln leicht unter, TRW leicht über dem Schlusskurs vom Vortag.

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