Möglicher Strategiewechsel verunsichert die Branche
ARD und ZDF zahlen an Kirch nur noch per Nachnahme

ARD und ZDF müssen um ihre Fernsehrechte fürchten, die sie von Kirch erworben haben. So besteht allein in der ARD ein Viertel der Sendezeit aus Spielfilmen und Serien, die zum Teil aus dem Kirch-Archiv stammen. In den Fernsehanstalten wird befürchtet, dass möglicherweise Teile der eingekauften Kirch-Rechte nicht ausreichend gesichert sind.

HB BERLIN. Hintergrund der Nervosität ist der Streit zwischen Kirch und den Hollywood-Studios um große Filmpakete. Nach Meinung der amerikanischen Produzenten wie Universal (Vivendi) gehören die TV-Rechte dem Käufer erst nach vollständiger Bezahlung. Kirch hat aber nicht in jedem Fall vollständig überwiesen. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind deswegen seit dem Insolvenzantrag der Kirch Media besonders vorsichtig, wenn es um Zahlungen an Kirch geht. "Wir verfolgen eine konservative Einkaufspolitik. Es wird nur für das bezahlt, was wir auch wirklich senden können", erklärte ein Insider gestern.

Während also noch unklar ist, welche Auswirkungen die Kirch-Krise auf den Rechtehandel in Deutschland hat, reibt sich einer bereits die Hände. Ziemlich sicher nämlich profitiert Herbert Kloiber von den "neuen Marktbedingungen", von denen in Branchenkreisen gesprochen wird. Sein Medienkonzern, die Tele-München-Gruppe, verfügt über die zweitgrößte Filmbibliothek in Deutschland. Kloiber, der das Handwerk des Rechtehandels bei Leo Kirch erlernte, verfügt über exzellente Kontakte in die USA. Mit Rupert Murdoch betrieb der Münchener Filmkaufmann in den neunziger Jahren einst den Champions-League-Kanal TM 3, der heute unter dem Namen Neun Live auftritt.

Kirch Media war bislang mit einem Jahresumsatz von 182 Mill. Euro der zweitgrößte Fernsehrechtehändler und Fernsehproduzent in Deutschland. Klarer Marktführer ist Bertelsmann mit seinem Fernsehkonzern RTL Group. Das Tochterunternehmen Ufa in Berlin erzielte allein mit Produktion und technischen Dienstleistung (ohne Rechtehandel) einen Jahresumsatz von 289 Mill. Euro. Erst an dritter Stelle folgen Bavaria Film GmbH (München) mit 161 Mill. Euro und Studio Hamburg mit 101 Mill. Euro, dem Produktionszweig von ARD und ZDF.

Auch beim ZDF in Mainz ist man, was die Fernsehrechte von Kirch anbelangt, unsicher. Gelassenheit dagegen herrscht hinsichtlich der Fernsehproduktionen. "Wir arbeiten im Produktionsbereich weiter mit verschiedenen Kirch-Unternehmen zusammen", erklärte gestern ein ZDF-Sprecher. Das Zweite ist mit einem Volumen von 300 bis 400 Mill. Euro nach eigener Aussage der größte Auftraggeber für TV-Produktionen in Deutschland.

Weitaus dramatischer könnte sich die Situation bei den kleineren Unternehmen zuspitzen, die bei Kirch-Produktionen zugeliefert haben oder die Programme für die Kirch-Fernsehtochter Pro Sieben-Sat 1 AG-Media herstellen. Schwer wiegende Folgen für die gesamte produzierende Branche sind zum jetzigen Zeitpunkt möglich. "Mit der Insolvenz wächst die Ungewissheit, welche strategische Richtung neue Gesellschafter bei Kirch Media einschlagen werden", sagte Werner Schwaderlapp, Chef der Endemol Entertainment Holding, der fünftgrößten TV-Produktion in Deutschland. Zwar rechnet Schwaderlapp nicht damit, dass die Produzenten leer ausgehen. Doch müssen die Expansionspläne der Telefonica-Tochter Endemol auf dem deutschen Produktionsmarkt jetzt warten. Noch weiß niemand, welche Kirch-Media-Beteiligungen im Produktionsgeschäft abgestoßen oder fortgeführt werden.

Die Interessengemeinschaft Film 20, Vertreter der größten TV- und Filmproduzenten, sieht nach dem Zusammenbruch der Kirch Media aber auch die Chance, die deutsche Medienordnung zu reformieren. Voll integrierte Konzerne wie die Kirch-Gruppe mit Sendern, eigener Produktion und Rechtehandel seien nicht zeitgemäß.

Kirchs millionenteure Vorzeige-Objekte, Mehrteiler wie "Die Bibel" und "Les Misérables", sollen in Zukunft in der unlängst gegründeten Firma des langjährigen Kirch-Weggefährten Jan Mojto abgewickelt werden. Damit immerhin bleibt ein Teil des Produktionsgeschäfts auf dem deutschen Markt erhalten.

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