Möglicher Teufelskreis
Investoren kehren USA wegen Dollar den Rücken

Experten warnen vor einem Teufelskreis: Ausländer ziehen ihr Geld bei fallenden Aktienkurse und schwachem Dollar aus Angst vor Verlusten aus Amerika ab, die Kurse fallen weiter, die zahlreichen US-Aktienbesitzer verzweifeln, der Konsum bricht zusammen, US-Importe gehen zurück und die ganze Weltwirtschaft leidet.

dpa WASHINGTON. Das Ende einer Liebesaffäre proklamierte Barton Biggs, Investment-Experte von Morgan Stanley, angesichts des fallenden Dollar-Kurses unlängst. Nach sieben Jahren Anlageboom in den USA schauen die Investoren sich jetzt auch nach anderen Bräuten um. Ausländer investierten nach Schätzungen der US-Notenbank im 1. Quartal netto 17,6 Milliarden Dollar in US-Aktien, nur noch halb so viel wie im Quartal davor.

Der Dollarkurs fällt seit Wochen. Die US-Währung hat seit Januar gut sechs Prozent gegen einen Korb von sieben Währungen verloren. Anfang der Woche war der Dollar in Euro gerechnet so billig wie seit 17 Monaten nicht mehr. Die amerikanische Exportwirtschaft atmet auf, doch sind die Experten noch uneins, ob die US-Wirtschaft den Liebesentzug gut verkraften wird.

Wenn die Anleger den USA den Rücken kehren, könnte es eng werden für die US-Wirtschaft. Die ausländischen Milliarden haben seit Jahren ein gigantisches Leistungsbilanzdefizit finanziert. Das funktionierte, weil Investoren in den USA die größten Profitchancen witterten. US-Unternehmen nutzten den Kapitalzufluss für Hightech- Investitionen, die große Produktivitätssprünge erlaubten und damit Wachstum, Profite und hohe Aktiengewinne antrieben.

Rund 455 Milliarden Dollar (508 Mrd. Euro) flossen im vergangenen Jahr netto in die USA. Damit war selbst ein Leistungsbilanzdefizit von gut 400 Milliarden Dollar - 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - tragbar. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die US-Wirtschaft meldete sich im 1. Quartal zwar mit einem beeindruckenden Wachstum von 5,6 Prozent (hochgerechnete Jahresrate) zurück. Doch die erhoffte Rückkehr zu den Boomzeiten der 90er Jahre ist ausgeblieben. Die Unternehmensgewinne sind schwach, neue Arbeitsplätze gibt es kaum, die Firmen investieren wenig und die Aktienkurse fallen.

"Die US-Gewinne fallen nicht so aus wie die Leute gehofft haben. In anderen Ländern gibt es bessere Gewinnmöglichkeiten", sagte Andrew Parry, Investmentstratege der Anlagefirma Northern Trust Global Investment (Europe), dem "Wall Street Journal". Er hat bereits mit der Umschichtung seiner Portfolios weg aus den US-Märkten begonnen.

Auch die jüngsten Unternehmensskandale haben das Vertrauen in die amerikanische Unternehmensführung nachhaltig erschüttert. Dass das Energiehandelsunternehmen Enron von Aufsichtsbehörden unbemerkt Schulden in Millionenhöhe in dubiosen Partnerschaften verstecken konnte, hat Anleger erschreckt. Dass einige Wall-Street-Analysten, auf Grund von engen Unternehmensbeziehungen ihrer Arbeitgeber die Kunden wissentlich in die Irre führten, ebenfalls.

Den Rückgang des Dollars hatten die meisten Ökonomen seit langem vorausgesagt. Manche warnten vor einem Teufelskreis: Ausländer ziehen ihr Geld bei fallenden Aktienkurse und schwachem Dollar aus Angst vor Verlusten ab, die Kurse fallen weiter, die zahlreichen US- Aktienbesitzer verzweifeln, der Konsum bricht zusammen, US-Importe gehen zurück und die ganze Weltwirtschaft leidet. Eine sanfte Landung des Dollars würde dagegen den Exporteuren zu Gute kommen, das US- Defizit senken, Vertrauen schaffen, und die europäische Hersteller durch schmerzhafte Konkurrenz zu höherer Produktivität zwingen.

Der bisher langsame Rückgang des Dollarkurses stimmt die meisten amerikanischen Ökonomen aber optimistisch. "Genau, was der Arzt verordnet hat", sagt der Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanleys, Stephen Roach. Ein Rückgang des Kurses um sieben Prozent in diesem und vielleicht auch im nächsten Jahr wäre perfekt, um das Ungleichgewicht der Weltwirtschaft, die viel zu stark von den USA abhängig sei, zu korrigieren.

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