Moerschen aus Manhattan
Scheinwelt an der Börse

Zeitung lesen macht griesgrämig. Jeden Morgen schlage ich das "Wall Street Journal" auf, und wieder sind zwei Dutzend Menschen im Irak gestorben. Wo US-Präsident Bush eine Vorzeigedemokratie installieren wollte, droht ein blutiger Bürgerkrieg.

Ein Barrel Rohöl kostet wieder mehr als 60 Dollar, und die Spekulationsblase am Immobilienmarkt zeigt erste Risse. Ach ja, und die Amerikaner haben sich mit den Chinesen in einem Streit um Wechselkurse verbissen.

Und wie reagiert die Börse? Na logisch, sie steigt. Der Dow-Jones kletterte diese Woche erneut über die Marke von 11 000 Punkten. Die Risikoaufschläge für Schrottanleihen sind minimal. Offenbar handeln alle Investoren antizyklisch nach dem Motto "Kaufen, wenn das Blut durch die Straßen fließt", wie der legendäre Baron de Rothschild empfahl, der im 19. Jahrhundert aus Kriegen Profit schlug.

Makaber? Ja, paradox? Absolut. Aber so verhalten sich die Märkte eben. Ins Altpapier wandern offenbar die Studien gescheiter Volkswirte, in denen etwa Jason Trennert vom Washingtoner Institut International Strategy & Investment einen unweigerlichen Absturz der US-Wirtschaft und Börsen voraussagt, sobald der Ölpreis über 40 Dollar steigt.

Nur ein paar versprengte Experten sorgen sich um den Währungs- und Handelskonflikt mit China. Die USA fordern ultimativ: Wertet endlich den Yuan auf! Dadurch hoffen die Amerikaner, chinesische Importe zu verteuern und ihr Handelsdefizit abzubauen. Aber da spielen die Chinesen nicht mit. Man kann es ihnen kaum verübeln, nachdem sie für fast 260 Mrd. Dollar US-Staatsanleihen gekauft haben. Ließen die Chinesen den Yuan steigen, dann schrumpfte der Wert ihrer US-Papiere. Niemand weiß, wie sich der Währungskonflikt ohne Finanzmarktkrise lösen lässt. Doch der zuletzt erstarkte Dollar und der solide Börsentrend signalisieren: Die Investoren vertrauen darauf, dass alles gut wird.

Mit dieser erquicklichen, wenngleich ein wenig illusorisch erscheinenden Hoffnung soll denn diese Kolumne enden. Also verzichte ich darauf, die apokalyptischen Folgen eines Niedergangs am US-Immobilienmarkt auszumalen. Dort suchen heute 43 Prozent mehr Häuser einen Käufer als vor zwölf Monaten. Offenbar wollen viele Hausbesitzer aussteigen, bevor die Preise einbrechen. So stand es diese Woche im "Wall Street Journal". Man sollte einfach nicht so viel Zeitung lesen.

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