Moerschen aus Manhattan
Smarte Übernahme

Euronext steuert tatsächlich in die Arme der Amerikaner. Ein offener Brief an Jean-Francois Théodore, den Chef der französisch dominierten Börse Euronext.

Cher Monsieur Théodore,

ich habe mich geirrt. An dieser Stelle schrieb ich vor einem Monat, dass Ihre Fusionsverhandlungen mit der New Yorker Börse (Nyse) nicht ernst gemeint waren. Wie viele Beobachter dachte ich, Sie wollten nur den Preis hochtreiben für die seit langem geplante Fusion mit der Deutschen Börse AG.

Doch nun steuern Sie Euronext tatsächlich in die Arme der Amerikaner. Ja, es ist eine Übernahme. Auch wenn dieser hässliche Begriff in ihren Gesprächen mit Nyse-Chef John Thain nie auftaucht, handelt es sich um nichts anderes.

Thain fordert eine Zwei-Stimmen-Mehrheit im Aufsichtsrat der zukünftigen Nyse Euronext, und er bleibt Vorstandschef des fusionierten Unternehmens. Das macht Herr Thain Ihnen schmackhaft, indem er das Euronext-Geschäftsmodell in den höchsten Tönen lobt und Ihnen, Herr Théodore, die Leitung des europäischen Aktienhandels zusichert. Ihr Aufsichtsratschef, Herr Hessels, darf sogar Chairman des künftigen Aufsichtsrats werden. Ein schönes Amt, das aber bei der Nyse wenig Macht birgt.

Falls Sie diese Offerte annehmen, wird Ihre Eigenständigkeit nicht lange währen. Denn mit der oben geschilderten Struktur kann der im Ton höfliche, aber in der Sache knallharte Nyse-Chef seine Versprechen jederzeit widerrufen. Erstmal muss Thain zwar in New York aufräumen – sprich: das veraltete Nyse-Handelssystem modernisieren, Kosten senken und die Chicagoer Börse Archipelago integrieren.

Aber warum sollte die Nyse auf Dauer getrennte Handelssysteme für amerikanische und europäische Aktien betreiben? Ein einheitliches System spart viel Geld. Genau deshalb haben Sie, Herr Théodore, ja die Euronext-Börsen in Paris, Amsterdam, Brüssel und Lissabon auf eine gemeinsame Plattform gestellt.

Die Deutsche Börse versprach in ihrem Fusionsplan eine gleichmäßige Aufteilung der Aufsichtratssitze und bot Ihnen sogar den Vorstandsvorsitz für begrenzte Zeit an. Die plumpen Deutschen machten weniger schöne Versprechungen als die smarten Amerikaner. Ob Sie mit Letzeren aber besser fahren, bezweifle ich.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%