Moerschen aus Manhattan
Wehmütiger Abschied

So schwungvoll kann ein Begräbnis aussehen: Am Mittwoch startete die Aktie der Nyse Group fulminant mit fast 25 Prozent Tagesgewinn an der eigenen Börse. Selbst der chronisch schmallippige Nyse-Chef John Thain rang sich zur Feier des Tages ein Lächeln ab.

Warum begleiteten trotzdem einige Parketthändler den Handelsstart mit Buhrufen und vermasselten damit gespielte Harmonie vor laufenden Kameras? Sie mochten nicht die Geburt der neuen Nyse Group feiern, sondern trauerten um den Tod ihres 213 Jahre alten Privatclubs - eben die New York Stock Exchange. Als eine der letzten Börsen weltweit funktioniert der Markt an der Wall Street bislang als exklusiver Mitgliederverein, bei dem per Hand gehandelt wird. Bis vorgestern.

Denn mit der Übernahme von Archipelago und dem Wandel zur Aktiengesellschaft besiegelt Thain das Schicksal der rund 3 000 Parketthändler. Der Handel läuft elektronisch, und viele brauchen bald einen neuen Job. Deshalb die Buhrufe.

Zwar schwärmt Thain in Sonntagsreden vom "hybriden Markt", einem Zwitter aus Parkett- und elektronischem Handel. Doch ein Blick in den fast leeren Frankfurter Handelssaal zeigt, wie die Zukunft an der Wall Street aussehen wird. Über 90 Prozent des deutschen Aktienhandels laufen am Parkett vorbei über das Xetra-Computersystem der Deutschen Börse. Archipelago-Gründer Jerry Putnam machte sich übrigens in Werbeanzeigen lustig über das "Börsen-Fossil" - bevor Thain ihn zum Nyse-Vizechef berief.

Dass Putnam nun plötzlich zum Präsenzhandel-Fan mutiert, erwartet niemand. Also wird das historische Handelsparkett bald zur Fernsehkulisse verkommen, wie der Frankfurter Handelssaal. Schade eigentlich. Nicht um die 1 366 Besitzer der alten Nyse -"Sitze", die bislang jede Maklerfirma brauchte. Sie wurden ordentlich entschädigt.

Vermissen werde ich die ruppigen Börsenhändler. Sie gaben den Finanzmärkten ein vertrautes Gesicht, wenn sie hektisch umher liefen, über die Technik fluchten und kleine Kurszettel mit Bleistiften bekritzelten, weil der Handcomputer streikte. Nachmittags wateten sie durch zerknüllte Zettel und leere Erdnussschalen, weil aus unerfindlichen Gründen alle an der Nyse ständig Erdnüsse kauten. Nun handeln bald Computer - ohne Bleistift und Erdnüsse.

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