Moerschen aus Manhattan
Zwanghafter Optimismus

Der Dax hat an einem Tag drei Prozent verloren, der Dow Jones knapp zwei. Gold kratzt an der Marke von 700 Dollar. Doch in New York glaubt kaum jemand an ein Ende der Hausse.

HB DÜSSELDORF. Die Kursgrafiken der Weltbörsen haben einen hässlichen Knick bekommen. Dass der Dax an einem Tag drei Prozent verliert und der Dow knappe zwei, kommt nicht alle Tage vor. Gold - das ultimative Panikbarometer – kratzt an der Marke von 700 Dollar. Doch im US-Börsenfernsehen sprechen die Experten von einer „gesunden Korrektur“. Wer im griesgrämigen Deutschland aufwuchs und das böse Ende der Internet-Börsenhysterie durchlebte, der kann den unverwüstlichen Optimismus der Amerikaner kaum nachvollziehen. Mein Nachbar täuscht zwar mit besorgter Miene Zustimmung vor, wenn ich über den teuren Immobilienmarkt, wacklige Börsen und den bedrohlichen Sturz des Dollars rede. Aber das hindert ihn nicht, sich über beide Ohren zu verschulden, um endlich sein Reihenhäuschen zu kaufen.

Das enge Zweifamilienheim kostet schließlich „nur“ eine Million Dollar. Vor einem halben Jahr verlangte der Besitzer noch hunderttausend Dollar mehr. Hat mein Nachbar also ein wahres Schnäppchen gefunden – oder beginnt gerade der schon oft vorhergesagte Niedergang der Wohnungspreise?

Kaum jemand traut sich, mit einem lauten „Ja“ zu antworten. Zu oft lagen die Pessimisten falsch. Ein Freund, immerhin als Research-Chef einer New Yorker Vermögensverwaltung für 1,5 Milliarden Dollar verantwortlich, hat vor drei Jahren sein Eigenheim auf der edlen Upper Eastside Manhattans verkauft. Nun haust er mit seiner vierköpfigen Familie in einem kleinen Mietapartment und wartet auf fallende Preise. Dumm für ihn, dass die Immobilienpreise sich seitdem verdoppelt haben. Mein Freund sucht jetzt am Stadtrand eine Bleibe, weil er sich die Upper Eastside nicht mehr leisten kann.

Die unverwüstlichen Optimisten haben bislang Recht behalten. Sie verweisen auf die unbestreitbar starken Gewinne amerikanischer Unternehmen und prophezeien weiter steigende Aktienkurse. Wer mag da widersprechen? Auch der Immobilienboom kann glimpflich enden. Noch besser als die Optimisten schnitten nur ein paar schräge Kassandrarufer ab, die auf exotische Anlageklassen wie Gold, Öl und Kupfer setzten.

Kein Wunder, dass in New York kaum jemand an ein Ende der Hausse glauben mag. Ob diese Haltung von kollektiver Weisheit oder kollektiver Realitätsverdrängung zeugt, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

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