Montenegro ist gespalten
Djukanovic in der Zwickmühle

Das hatte sich Milo Djukanovic ganz anders vorgestellt: Die Parlamentswahl in Montenegro sollte den Wunsch der Menschen nach Unabhängigkeit unübersehbar dokumentieren. Doch das Ergebnis für den Präsidenten des jugoslawischen Teilstaates ist ernüchternd: Gerade einmal eineinhalb Prozentpunkte Vorsprung erreichte Djukanovics Bündnis "Der Sieg gehört Montenegro" am Sonntag vor der pro-serbischen Opposition. Das muss der Mann, der sich seit Jahren vehement für die Abspaltung Montenegros von der Bundesrepublik Jugoslawien einsetzt, erst einmal verdauen.

afp Podgorica. Während sich Djukanovic trotz der Enttäuschung nach außen unbeirrt als Wahlsieger feiern lässt, sehen Experten ihn jetzt in der Zwickmühle: Falls er die Unabhängigkeit weiterhin durchsetzen wolle, müsse er mit der radikalen Partei der Liberalen paktieren. Riskiere er dies nicht, blieben ihm nur Verhandlungen mit Belgrad. Als Verlierer stünde er in beiden Fällen da.

Djukanovic hatte in den vergangenen Wochen wiederholt angekündigt, im Falle seines Wahlsieges ein Referendum über die Unabhängigkeit der jugoslawischen Teilrepublik abzuhalten. Dafür ist jedoch eigentlich eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament erforderlich - eine Kräfteverteilung, von der er nun weit entfernt ist. Belgrad reagierte auf dieses Ergebnis mit unverhohlener Freude. "Montenegro ist völlig gespalten", sagte der stellvertretende Ministerpräsident Zarko Korac. "Bei diesem Wahlausgang gibt es keine Basis für ein Referendum". Parlamentspräsident Dragoljub Micunovic frohlockte, das Ergebnis zeige, "dass Jugoslawien überleben wird".

Das ficht Djukanovic nicht an. Seit seiner Wahl vor vier Jahren versucht der Präsident, das kleine Montenegro mit seinen 650.000 Einwohner vom übermächtigen Belgrad abzukoppeln. Unterstützung fand er dabei zunächst bei den westlichen Regierungen. Djukanovics kritische Haltung gegenüber dem damaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic machte ihn zu einem willkommenen Verbündeten. Als im Herbst jedoch die Reformer um Vojislav Kostunica die Clique um Milosevic ablösten, drehte sich der Wind.

Dass Djukanovic sich weiterhin weigert, mit Belgrad zu zusammenzuarbeiten, wird im Westen mit Sorge betrachtet. Für den Politikwissenschaftler Vladimir Goati bleibt Djukanovic jetzt fast nichts anderes übrig, als sich doch auf Verhandlungen mit Serbien einzulassen. "Ein Referendum wäre ausgesprochen riskant", sagt er. "Die pro-jugoslawische Anhängerschaft ist sehr groß und könnte das Referendum einfach boykottieren", analysiert der Experte vom Institut für Sozialwissenschaften in Belgrad. Ein Ausweg würde sich Djukanovic allenfalls noch über ein Bündnis mit den radikalen Liberalen bieten. Damit ginge er jedoch das Risiko ein, seine gemäßigten Anhänger zu verprellen.

Wie auch immer sich Djukanovic entscheiden wird - die Bundesrepublik Jugoslawien sieht ungewissen Zeiten entgegen. "Dieses Ergebnis ist für niemanden gut", sagt ein westlicher Beobachter. "Zum Einen hängt das jugoslawische Bündnis weiter in der Luft, zum Anderen verschlimmert sich die interne Lage in beiden Republiken".

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