Moody’s sieht drastische Schwächung des Eigenkapitals bei deutschen Versicherern
Garantiezins in Gefahr

Bei anhaltend niedrigen Anleihenrenditen müsste 2005 der garantierte Zinssatz für die Kunden der Lebensversicherer herabgesetzt werden. Diese Einschätzung vertritt der Branchenverband GDV. Für das kommende Jahr möchte die Branche am aktuellen Satz von 3,25 Prozent festhalten.

DÜSSELDORF. Die niedrigen Renditen am Rentenmarkt bringen die Lebensversicherer unter Druck. "Wenn die Renditen öffentlicher Anleihen auf ihrem niedrigen Niveau verharren sollten, dann müsste die garantierte Verzinsung der Lebensversicherungen im Jahr 2005 abgesenkt werden", sagte Gabriele Hoffmann, Pressesprecherin des Gesamtverbandes der deutschen Versicherer in Berlin. Sie bestätigte damit eine ähnliche Äußerung von Gerhard Rupprecht, dem Chef der Allianz Lebensversicherung. Für 2004 empfiehlt der GDV allerdings, das bisherige Niveau von 3,25 % beizubehalten. Er stützt sich dabei auf ein gleich lautendes Votum der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). Wichtig auch: Laut GDV sollte der Zins im Zweifel deutlich gesenkt werden, also zum Beispiel auf 2,75 %, um eine Folge von kleinen Trippelschritten zu vermeiden.

Der Garantiezins gibt an, zu welchem Satz Sparguthaben der Kunden mindestens zu verzinsen sind. In der Regel zahlen die Versicherer zusätzlich eine Überschussbeteiligung, aber schwache Anbieter könnten gezwungen sein, auf das Minimum herabzugehen - die Arag hat dies Mitte Dezember angekündigt. Dabei ist der amtliche Wert für den Garantiezins nur eine Obergrenze - theoretisch können die Lebensversicherer individuell nach unten abweichen, was sie aus Wettbewerbsgründen aber nicht tun. Wenn der Garantiezins gesenkt wird, gilt dies nur für die neuen Verträge.

In jedem Jahr gibt die DAV, in der die verantwortlichen Versicherungsmathematiker der Unternehmen zusammengeschlossen sind, eine Empfehlung ab. Eine wichtige Grundlage ist dabei die durchschnittliche Rendite öffentlicher Anleihen in den vergangenen zehn Jahren - der Garantiezins darf 60 % dieses Wertes nicht überschreiten. Bei anhaltend niedriger Rendite würde daher rein rechnerisch eine Absenkung des Garantiezinses fällig.

Nach der DAV geben GDV und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) jeweils eine eigenes Votum ab. Die letzte Entscheidung, die meist Anfang oder Mitte des Jahres in Kraft tritt, trifft das Bundesfinanzministerium. Zum letzten Mal war der Wert Mitte 2000 von 4,0 % auf 3,25 % gesenkt worden. Es gibt immer noch zahlreiche Altverträge mit 4,0 %.

Die BaFin wird in Kürze sein Votum für 2004 abgeben. Weil das Amt in der Regel auf die Sicherheit der Unternehmen bedacht ist, empfiehlt es möglicherweise schon eine Absenkung - das Finanzministerium muss sich dem aber nicht anschließen. In der Branche wird aber auch über eine andere Möglichkeit spekuliert: Die BaFin könnte schwache Anbieter unter Druck setzen, individuell ihren eigenen Satz unter die amtliche Grenze herabzusetzen. BaFin-Chef Jochen Sanio hatte diese Möglichkeit in einem Handelsblatt-Interview angedeutet. Die Versicherungsbranche selbst ist an einer generellen Absenkung nicht interessiert, weil sie ihre Anlagen vergleichsweise schlecht aussehen ließe.

Die Probleme der Branche werden noch einmal in einem gestern veröffentlichten Bericht der Ratinggesellschaft Moody?s deutlich. Obwohl die deutschen Versicherer weniger als die britischen in Aktien engagiert seien, habe sich ihre Ausstattung mit Eigenkapital "drastisch" verschlechtert, heißt es dort. Die 2001 geschaffene Möglichkeit, Aktienkursverluste im Anlagevermögen nicht sofort in der Bilanz zu verbuchen, sehen die Experten sehr kritisch. "Die Lösung des Problems wird durch die neuen Vorschriften unserer Meinung nach unter Umständen nur aufgeschoben, denn in der gesamten Branche werden nicht realisierte Verluste in beträchtlicher Größenordnung vorgetragen, die sich im Verlauf des Jahres negativ auf die Ertragslage und die aufsichtsrechtliche Solvabilität auswirken könnten", sagt Beatrice Braun, die die Studie mitverfasst hat. Weil sich die meisten Lebensversicherer weitgehend von Aktienbeständen getrennt haben, sind sie weniger anfällig gegen Kursverluste. Aber aus demselben Grund, betonen die Moody?s-Experten, würden sie von einem Aufschwung an der Börse nur wenig profitieren. Moody?s rechnet daher damit, dass viele Anbieter ihre Überschussbeteiligungen noch weiter reduzieren müssen.

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