Moralische Bedenken
Unsicherheit drückt Dollar auf Sechs-Monatstief

Befürchtungen über starke Kursverluste an der Wall Street und Drohungen der afghanischen Taliban haben einen erneuten Kursrutsch des Dollar zu den übrigen Leitwährungen ausgelöst.

Reuters FRANKFURT. Die US-Währung rutschte zwischenzeitlich auf ein neues Sechs-Monatstief zu Euro und Yen. Vor der Wiederaufnahme des US-Aktienhandels am kommenden Montag gab es nur wenige Kundenaufträge, sagten Devisenhändler. Eine Flucht aus dem Dollar in Pfund Sterling, Franken, Euro und Yen lösten Drohungen der Taliban aus, sich bei einem Vergeltungsschlag der USA zu rächen. Der Kursrutsch zum Yen wurde später von Äußerungen aus dem japanischen Finanzministerium gestoppt, die Bereitschaft zu Eingriffen am Devisenmarkt erkennen ließen.

Der Euro notierte gegen 15.10 Uhr mit 0,9195/00 Dollar einen US-Cent über dem New Yorker Vortagesschluss, nachdem die Gemeinschaftswährung kurz zuvor bis auf 0,9248 Dollar gestiegen war. Im Referenzkursverfahren Euro-FX wurde der Euro mit 0,9175 nach 0,9061 Dollar am Vortag festgesetzt. Ein Dollar kostete damit 2,1317 (2,1585) DM. Die US-Valuta notierte zuletzt mit 118,33/46 Yen nach einem Sechs-Monats-Tief von 116,94 Yen. Zum Franken lag der Dollar nur knapp über seinem tiefsten Stand seit sieben Monaten von 1,6226 Franken.

Insgesamt sprachen die Marktteilnehmer von einer gedrückten Stimmung. Am Markt herrschte Händlern zufolge Ruhe, weil zahlreiche Marktteilnehmer moralische Bedenken hätten, in dieser Situation aggressiv zu handeln und es außerdem Empfehlungen gegeben hatte, den Devisenhandel möglichst einzuschränken. Unsicherheit herrschte vor allem über die Reaktion der US-Aktienmärkte, die am Dienstag nach den Anschlägen geschlossen hatten und erst wieder am Montag öffnen. Sollten dort die Kurse stark fallen, werde der Dollar mit nach unten gezogen, sagte Teis Knuthsen von der SEB. "Es gilt als ausgemacht, dass die Aktienkurse nächste Woche fallen werden. Es ist deshalb unvermeidlich, dass der Dollar dann unter Druck geraten wird", sagte Yasuji Yamanaka von Nikko Trust and Banking Co.

Die Drohung der Taliban in Afghanistan, sich bei einem möglichen Vergeltungsangriff der USA zu rächen, hätten den Dollar zusätzlich geschwächt. Die USA verdächtigen den islamischen Extremisten Osama bin Laden, der sich in Afghanistan aufhält, als Drahtzieher der Anschläge. "Die Kommentare der Taliban schwächen den Dollar", sagte ein Analyst. "Sollte es diese Rache tatsächlich geben, wird das die globale Wirtschaft stark beeinträchtigen."

Stützung der US-Währung

Gegen einen stärkeren Rückgang des Dollar spreche allerdings die Aussicht auf konzertierte Devisenmarkteingriffe der führenden Zentralbanken zur Stützung der US-Währung, sagten Händler. Die Finanzminister Japans und der USA haben nach den Worten des japanischen Ministers Masajuro Shiokawa vereinbart, im Falle starker Kursschwankungen am Devisenmarkt einzugreifen. Vertreter des japanischen Finanzministeriums bekräftigten außerdem kurz nach dem Kursrutsch des Dollar zum Yen ihre Bereitschaft zur Stützung des Dollar.

Der Dollar-Kurs, der nach dem 11. September um bis zu drei Prozent zu den wichtigsten Währungen gefallen war, hatte sich zunächst wegen der Geldmarktoperationen der Notenbanken gefangen. In den vergangenen zwei Tagen hatten die wichtigsten Notenbanken den Geldmarkt zusätzlich mit rund 190 Mrd. Dollar versorgt, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden.

Händler sprachen auch von wachsenden Spekulationen, die Leitzinsen weltweit könnten nach den Anschlägen in den USA gesenkt werden. Die Terroranschläge werden nach den Worten des japanischen Notenbankchefs Masaru Hayami auch eine Rolle bei der geldpolitischen Entscheidung der Bank of Japan (BoJ) in der kommenden Woche spielen. "Wenn man bedenkt, dass es so große Folgen hat, wird es ein Faktor bei der Entscheidung sein", sagte Hayami am Freitag in Tokio. Von der Fed erwarten einige Analysten eine weitere Leitzinssenkung von bis zu 50 Basispunkten, nachdem die Notenbank die Zinsen in diesem Jahr bereits sieben Mal um insgesamt drei Prozentpunkte auf derzeit 3,5 Prozent im Schlüsselzins gesenkt hat. Neben möglicher Folgen der Anschläge spreche dafür das schwindende Vertrauen der US-Verbraucher in die Wirtschaftslage der USA.

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